Einblicke in das „Haus der Ewigkeit“

Ein Grabstelin auf dem Jüdischen Friedhof vor der Restaurierung.
 
Obiges Foto ziert den Buchtitel „Haus der Ewigkeit“.

Dr. Joachim Frassl hat ein Buch über den jüdischen Friedhof in Seesen verfasst / Präsentation am Mitttwoch

Über die Seesener Jacobson-Schule, die jüdische Gründung von 1801, ist in den vergangenen zwölf Jahren viel geforscht und publiziert worden. Nun ist endlich auch ein Buch erschienen, das sich intensiv mit dem jüdischen Friedhof der Harzstadt auseinandersetzt. Jahrelang war das Friedhofsareal aus Sicherheitsgründen für die Öffentlichkeit geschlossen: Der Berghang schob und ließ Grabsteine umstürzen, Algen, Moose und Efeu hatten sich ausgebreitet über die liegenden und teilweise zerbrochenen Platten. Von 2005 an bis 2008 hat der Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Hannover das Areal sanieren lassen, umgestürzte Steine wurden wieder aufgerichtet und gesäubert, zerbrochene Steine zusammengefügt und Schriften wieder lesbar gemacht.
Im „Historischen Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen“ aus dem Jahre 2006 wird nur auf „57 Gräber“ hingewiesen. Jetzt, nach der Restaurierung konnten 101 Grabstellen, inklusive versteckter kleiner Kindergräber am Rande des Areals, dokumentiert werden.

Namen, Kurbiografien, und Inschriften enthalten das 120 Seiten umfassende Werk

„Haus der Ewigkeit – Der jüdische Friedhof in Seesen“ hat der Autor Dr. Joachim Frassl sein Buch genannt. Für ihn ist der Neueinweihungstermin im Herbst 2008 Anlass und Anfang gewesen, sich in den Folgejahren intensiv mit dem einzigartigen Kleinod, sowohl wissenschaftlich als auch fotografisch, auseinanderzusetzen.
Auf den 120 Seiten des Buches werden Namen, Kurzbiografien und Inschriften erfasst, die bildhaften Dekors erläutert und auch die jeweilige Gestalt der Grabsteine gedeutet. Das seit Jahren verschollen gewesene Gräberverzeichnis des Synagogenaufsehers Siegfried Nussbaum (Opfer des Reichspogroms 1938) konnte wieder befragt werden und hat wertvolle Hinweise zur Identifizierung der Gräber gegeben.
Der jüdische Friedhof in der Harzstadt Seesen stellt eine Besonderheit dar: die Gräber vermitteln sehr anschaulich die Entwicklungen, die von der „Reformation“ des jüdischen Gottesdienstes, ausgehend von der jüdischen Haskala (Aufklärung) und den Bestrebungen des Braunschweigischen Kammeragenten, Landrabbiners und späteren Konsistorialpräsidenten Israel Jacobson ausgegangen sind. Zwischen Tradition und Moderne sind die in ihrer Gestalt sehr vielfältigen Steine, mit hebräischen bzw. deutschen oder sprachlich gemischten Grabstein-Inschriften, einzuordnen.
Das Jacobson-Gymnasium als Nachfolge-Institution sowie die Stadt Seesen halten die Tradition und die Erinnerung an die seinerzeit berühmte Jacobson-Schule aufrecht, die von Israel Jacobson 1801 als Freischule „für arme Judenknaben“ gegründet worden war.
Die damalige Schule und der Jugendgottesdienst in der schuleigenen Synagoge, dem „Jacobstempel“, waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Ausgangsort für vielfältige Reformen im jüdischen Gottesdienst: die Einführung der deutschen Sprache im Gottesdienst, von Chorgesang und Orgelspiel wirkte u.a. in Richtung Kassel, Berlin, Leipzig, Hamburg, Frankfurt und Breslau.
Israel Jacobson hatte das Friedhofsareal für die sich entwickelnde jüdische Gemeinde in Seesen gekauft, 1836 erst fand das erste, in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts das letzte Begräbnis statt.
Das Buch „Haus der Ewigkeit“ wird am Mittwoch, 24. April, im Saal des Bürgerhauses der Öffentlichkeit vorgestellt. Beginn der Veranstaltung ist 18.30 Uhr.

Dr. Joachim Frassl: „Buch
soll illustrativ in den
Bereich Friedhof einführen“


Als Herausgeber des Buches zeichnen die Stadt Seesen, der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen und das Seesener Jacobson-Gymnasium, die am Mittwoch durch Bürgermeister Erik Homann, den Vorsitzenden des Landesverbandes Michael Fürst aus Hannover und Schulleiter Stefan Bungert vertreten sind. Unter dem Titel „Haus der Ewigkeit – Streiflichter und Perspektiven“ wird Dr. Joachim Frassl in einem Diavortrag seine fotografische Sicht des Friedhofs zeigen und allerhand Neues präsentieren.
Der Autor sagt selbst zu seinem Buch: „Es soll – trotz der vielen vermittelten Daten – kein trockenes Nachschlagewerk für die Biografien der begrabenen Personen sein. Das Buch soll illustrativ in den Bereich Friedhof einführen. Es ist auch touristischer Führer und Fotoband. Das Sehen und Vergleichen, das Staunen und Begreifen ist mir sehr wichtig gewesen. Auf den 120 Seiten werden etwa 250 Fotos – alle in Farbe – präsentiert, welche uns die Grabsteine näher bringen, aber auch viel Atmosphärisches einfangen sollten.“
Das Buch ist nach der Veranstaltung im Bürgersaal – und in den Seesener Buchhandlungen – für 19,80 Euro zu erhalten.