Eine „geile Zeit“ in Manchester verbracht

Die Skorpione aus Seesen und die Borussen Fohlen Nordharz nach ihrer Ankunft auf dem Flughafen im englischen Manchester.
 
Das Stadion von Manchester City. Hier sorgten die Gladbach-Anhäger aus dem Vorharz für Stimmung.
 
Treffen mit zwei „Bobbys” in einem Pub. Gar rechts: Thomas Picher aus Rhüden.

Borussen Fohlen Nordharz, Skorpione aus Seesen / Ein Fan-Bericht über das Auswärtsspiel bei City

Im Dezember war es soweit: Die UEFA hatte zum letzten, dem alles entscheidenden Kräftemessen in der Gruppenphase der Champions-League eingeladen. Wobei unser Team das wohl vermeintlich dickste Brett in dieser unglaublich schweren Gruppe zu bohren hatte. Die Citizens aus Manchester besiegt man nicht so einfach mal im Vorbeigehen. Wenn die Borussia zum Auftritt in der Champions-League gebeten wird, sind natürlich auch wir Fans mit am Start und tragen unseren Teil zu einem rundherum gelungenen Fußballfest bei. Fußballfest, das ist genau das Wort, was das Tun unserer Borussia und uns als Fans beschreibt. Natürlich war nicht alles Gold, aber für die ersten sechs Auftritte nach über 37 Jahren haben wir uns auf jeden Fall mehr als beachtlich verkauft und geschlagen.
Für unsere Truppe, einem bunt gemischten Haufen aus Borussen Fohlen Nordharz, Skorpionen aus Seesen, Bökelbären aus Wolfsburg und der Fohlen Sektion Hannover, ging es morgens um 2 Uhr in Richtung Hamburg. Von dort sollte uns eine Maschine der German Wings nach Manchester bringen, was sie dem Herrn sei Dank auch tat.
Da wir alle nur Handgepäck dabei hatten, durchliefen wir recht fix die Kontrollen und standen innerhalb kürzester Zeit draußen am Taxistand. Umgehend wurden die Handys auf günstige Tarife umgestellt und die Lungentorpedos aus den Taschen gekramt, um den nach Nikotin lechzenden Körper mit der nötigen Dröhnung zu versorgen. Die nächste Frage war nun, ob wir mit dem Taxi oder dem Bus fahren wollten. Aber da niemand von uns die Muße hatte, sich auch noch Gedanken bezüglich des richtigen Busses zu unserem Hotel zu machen, entschieden wir uns für ein Taxi.
Das war dann der Moment, in dem wir den taxifahrenden Perser Abdul kennenlernten, der uns ins „The Place Appartement“ chauffierte, in dem wir mehr oder weniger zwei Tage residieren sollten – was für ein Protzbunker! Im Nachhinein betrachtet: genau unser Niveau.
Unser Hotel lag, wie sollte es auch anders sein, mitten der City, umgeben von Kaufhäusern und jeder Menge Pubs. Herz was willst du mehr?
Einchecken morgens um 8 Uhr war leider nicht drin, sodass wir unser Gepäck vorerst in einem verschlossenen Raum in der Lobby verstauten und uns in den Speisesaal des Hotels zur Raubtierfütterung begaben. Ein Tag ohne Frühstück ist kein guter Tag und geht auch eigentlich gar nicht. Auch wenn wir das Frühstück „noch“ selbst bezahlen mussten, so war es doch jeden Pfund wert. Es war sehr lecker und wir wurden bestens versorgt. Nachdem die Plauzen gefüllt waren, machten wir uns auf den Weg zum nächsten Pub, denn ein Bier schmeckt schließlich immer und zum Spaß waren wir ja auch nicht hier. Auch hier wimmelte es schon von Borussen und es erinnerte eher an ein Heim-, statt an ein Auswärtsspiel.
Länger als zwei Bierlängen hielten wir es „noch“ nicht im Pub aus, denn wenn man schon mal in Manchester ist, dann führt kein Weg an Old Trafford, der Heimat des Teams von Manchester United, vorbei und das macht mit zu prall gefüllter Blase nicht wirklich Spaß. Am Picadilly Garden verfrachteten wir unsere Luxuskörper in eine Tram der Manchester Metrolink, die uns zur Station Old Trafford brachte. Wir liebäugelten eigentlich mit der Stadionführung, aber für eine Stunde Führung 20 Pfund zu bezahlen, das sind umgerechnet vier große Bier, war es uns dann doch nicht wert. Schließlich muss man Prioritäten setzen.
Es gab ja auch so genug zu sehen und wir drehten unsere Runden durch den großen und super teuren Fanshop, wobei wir draußen vor Einlass abgescannt wurden. Warum entzieht sich meiner Kenntnis, aber vielleicht hatte sich im Vorfeld der pöbelnde Mob City-Fans angekündigt und mit der Verwüstung der heiligen Hallen Uniteds gedroht. Aber nee, das kann nicht sein. ManCity hat keine Fans, geschweige denn eine Fanszene. Aber das konnten wir zu diesem frühen Zeitpunkt ja noch nicht wissen.
So machten wir noch ein paar Bilder, schließlich gehört sich das auch für einen braven Touristen, bevor wir uns aus Angst vor Unterhopfung zurück auf den Weg in die Pubs und Einkaufsviertel der Stadt machten. Es war mittlerweile 12 Uhr und das Umherlatschen muss ja auch mal ein Ende haben. Niemand hatte Bock auf neue Schuhe. So schlugen wir schließlich im Wetherspoon – unserem Pub am Picadilly für die nächsten Stunden – auf, der voll in schwarz-weiß-grüner Hand war. Hier fühlten wir uns umgehend wohl, denn die Stimmung war einfach genial.

Süffige Biere der Briten schmeckte den Vorharzern
Nach einigem Umherprobieren der süffigen Biere der Briten, wurde sich irgendwann auf eine Marke eingeschossen und wir blieben dieser über mehrere Stunden treu. Um 15 Uhr verließen wir für eine kurze Zeit diese ehrenwerten Gemäuer, um endlich einzuchecken. Bock hatte zu diesem Zeitpunkt keiner mehr dazu. Also wählten wir die Kurzversion davon. Schnell die Klamotten in die Hütte geworfen und schon ging es wieder zurück in die heiligen Hallen, dort, wo die Gebetsbücher noch Henkel haben. Um 17.30 Uhr sollte sich der geplante, vier Kilometer lange Fanmarsch auf den Weg zum Stadion machen, wurde aber kurzfristig wieder auf kurz nach 17 Uhr verschoben.
Das konnte uns natürlich nicht jucken, denn der Marsch sollte ja direkt vor unserem Pub starten. Der Picadilly Garden füllte sich schon ab dem frühen Nachmittag von Minute zu Minute und Tausende Borussen bevölkerten am frühen Abend weitläufig das gesamte Areal. Schon lange vor dem Marsch wurde gesungen und gegrölt
Die Stimmung war total ausgelassen, aber absolut friedlich. Wenn sich dann mehrere Tausend Fans singend, klatschend und hüpfend auf den Weg machen, um durch die Straßen von Manchester zu ziehen, so kommt das schon einer Völkerwanderung gleich. Von der Polizei begleitet bahnten wir uns unseren Weg in Richtung Etihad Stadion. Es war unglaublich laut und der Gesang hallte von den Häuserwänden zurück, was dazu führte, dass unzählige Bewohner der angrenzenden Häuser ihre Fenster öffneten und voller Verwunderung Bilder machten und uns mit ihren Handys und Camcordern filmten. Ein Ereignis, welches sie in dieser Form wohl auch noch nicht erlebt haben. Manchester war fest in Borussenhand.
Erstaunlich war, dass im Verhältnis zu der Menge an marschierenden Fans sehr wenig Polizisten im Einsatz waren. Warum das so war? Keine Ahnung. Ich denke aber, dass sie einfach nicht mit so einem Menschenauflauf gerechnet hatten oder sich einfach darauf verließen, dass wir Borussen den Marsch friedlich über die Bühne bringen, was wir schlussendlich auch taten. Um kurz vor 18 Uhr trafen wir am Etihad Stadion ein und da erst um 18.15 Uhr Einlass war, hatten wir noch ein paar Minuten Zeit, um eine Kleinigkeit am Stadion zu futtern. Was sich im Nachhinein aber als Eigentor herausstellte, denn so standen wir im strömenden Regen in einer riesigen Menschentraube an den Toren und warteten darauf, durchsucht und anschließend ins Stadion gelassen zu werden. Zum einen durften keine Zigaretten mit ins Stadion genommen werden – das gesamte Gelände ist eine Alkohol- und rauchfreie Zone –, zum anderen ist die Mitnahme von Digicams nicht gestattet. Warum? Vielleicht hatten sie Angst, dass jemand so blöde sein könnte, seine Kamera in Richtung Spielfeld zu werfen. Wir wussten schon im Vorfeld was uns erwarten würde, andere aber wohl nicht, sodass sich die Einlasskontrollen ewig lange hinzogen. Wir schafften es aber trotzdem pünktlich ins Innere des Stadions, wenn auch platschnass und leicht angenervt.

Das Stadion bietet einen Super-Blick, aber die Fans...
Die Hälfte von uns war nicht im Gladbach-Block und die Kontrollen vor den mehr oder weniger neutralen Blöcken waren laut deren Aussagen einfach nur lachhaft gewesen, sprich Kontrolle gleich Fehlanzeige. Hier wird Schikane scheinbar noch großgeschrieben. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass das Stadion eine hässliche Kiste ist, denn das ist es weiß Gott nicht.
Man hat einen sehr guten Blick auf das Spielfeld. Aber, der Blick schützt halt auch vor Regen nicht und so wurden diejenigen von uns, die neutral auf der Gegengerade saßen, richtig nass. Dieses Schicksal blieb uns im Gästeblock erspart, da das Dach weit genug darüber ragte. Dass es in England üblich ist, dass sich die Ränge immer erst kurz vor Beginn des Spiel füllen, ist ja bekannt, aber wenn das Spiel schon begonnen hat und noch immer viele Plätze frei sind, dann spricht das eine andere Sprache.
Nämlich die, dass ManCity keine Fans, geschweige denn eine Fanszene hat. Das kommt davon, wenn Vereine verkauft werden und ein Stadion nur noch von sterilen Zuschauern besucht wird. Keine Stimmung und keine Unterstützung sind die logischen Konsequenzen eines solchen Verkaufs. Aber vielleicht ist ja genau das gewünscht: die grölenden und jubelnden Fans aus den Stadien zu vertreiben. Es scheint jedenfalls zu klappen, denn nicht ohne Grund kommen Wochenende für Wochenende viele Fußball-Fans aus England zu uns nach Deutschland, um hier noch bezahlbare und von der Stimmung lebende Fußballspiele live vor Ort miterleben zu können.
Nicht nur wir 4.500 Fans im Gästeblock trugen zu der genialen Stimmung bei, sondern auch die weiteren geschätzten 3000 Borussen, die verteilt im Stadion saßen, gaben alles und so übernahmen wir Fans der Borussia das gesamte Stadion.
Der ganze Block hüpfte und sang in einer endlos anmutenden Dauerschleife, was die Ränge tatsächlich zum Schwingen brachte, wie auf unzähligen Videos zu sehen ist. Die extrem gute Akustik in diesem Stadion, der kalte Wind und die frischen Temperaturen spornten uns zusätzlich an, dauerhaft in Bewegung zu bleiben und so 90 Minuten für Rabatz zu sorgen.
Stimmungstechnisch war es ein klares Heimspiel, denn die City-„Fans“ hatten außer Pöbeleien nichts zu bieten. Naja, jeder stellt sich sein eigenes Zeugnis aus und das der Möchtegernfans von City, war halt eines der Armut. Ups, fast vergessen, die Einheimischen begangen doch noch ängstlich ein paar Zeilen zu singen, aber das war erst ab der 85. Minute, als sie 4:2 in Führung gingen und sich sicher waren, dieses Spiel zu gewinnen.
Die Antwort unsererseits kam umgehend mit dem Gesang von „You only sing, when you’re winning“. Nach dem Spiel mussten wir noch 15 Minuten im Block verweilen, wie immer halt. Der Rest von uns auf den neutralen Rängen hingegen konnte sich sofort auf den Weg machen. So verloren wir uns leider aus den Augen.
Als wir schließlich den Block verlassen durften, wurden wir von der Polizei wie Tiere vom Stadiongelände auf die Straßen getrieben. Mit Pferden und auf uns einbrüllend schickten sie uns fort. Warum sie so „gastfreundlich“ reagierten, entzieht sich meiner Kenntnis. Wir wollten dort ohnehin keine Wurzeln schlagen, also machten wir uns wieder auf den Weg zurück in unseren vier Kilometer entfernten und lieb gewonnenen Pub. Zu Fuß versteht sich, denn Taxis und Busse vor Ort waren mehr oder weniger Mangelware. Halb verdurstet schlugen wir nach 23 Uhr beim „Wetherspoon“ auf.
Als wenn es nicht schon kalt genug wäre, mussten wir auch noch draußen warten, weil es angeblich zu voll war. Aber, wir waren natürlich hartnäckig und warteten letztlich auch nur zehn Minuten, bis wir in unsere zweite Heimat durften. Im Pub erfuhren wir dann, dass sich der Rest der Truppe vorab schon auf den Weg ins Hotel gemacht hat. So tranken wir noch zwei Bierchen und machten uns dann auch auf den Weg ins Hotel. Viel mehr als eine Runde Biertrinken und das Spiel Revue passieren lassen, wurde es dann auch nicht mehr.
Zu lang war der Tag und der Körper verlangte langsam aber sicher nach einem Bett. Am nächsten Tag ging es leider auch schon wieder heim. Frühstücken, eine Runde durch die Stadt flitzen und schon hieß es wieder ab zum Flughafen. Abdul war pünktlich und kutschte uns mittags zum Airport.

Die nächste Fußball-Tour ist schon in Planung
Nach einem Sonnenflug über den Wolken landeten wir am späten Nachmittag in Hamburg. Was bleibt, sind die wunderschönen Erinnerungen an diese zwei Tage, die von der ersten bis zu letzten Minute, die wir zusammen verbrachten, einfach nur geil waren. Wir haben uns einfach gesucht und gefunden und eines war schon am ersten Tag klar, diese Tour war nicht unsere letzte gemeinsame. Die Idee für eine weitere ist schon vor dem Rückflug auf dem Flughafen in Manchester geboren.