Eine Reise in eine fast verlorene Welt

Kantor Elli Jaffe (Jerusalem) im Duett mit Andor Izsák am Flügel; der Chor im Hintergrund hört gebannt zu. (Foto: König)
 
Schulleiter Stefan Bungert demonstriert die klanglichen Möglichkeiten der Synagogenorgel im Treppenhaus der Villa Seligmann.

Jüdische Kulturfahrt des Jacobson-Gymnasiums ins EZJM nach Hannover

Vieles von dem, was dem Publikum im großen Sendesaal des Norddeutschen Rundfunks in Hannover geboten wurde, durften Schüler und Lehrer des Jacobson-Gymnasiums bereits zwei Tage zuvor hören. Auf Einladung des Gründers des EZJM, des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik, Professor Andor Iszák, der seit vielen Jahren eine enge Beziehung zum Jacobson-Gymnasium pflegt, besuchten sie die Generalprobe eines Festkonzertes mit Musik aus den zerstörten Synagogen Europas. Das Konzert fand aus Anlass des zwanzigjährigen Bestehens des Institutes statt, das von Andor Iszák mit dem Ziel gegründet wurde, die jüdische Kultur synagogaler, orgelbegleiteter Chormusik, die seit 1810, als Israel Jacobson seinen Jacobstempel mit einer Orgel ausstatten ließ, von Seesen aus vielerorts in den europäischen Synagogen Einzug hielt, in der Folge der Reichspogromnacht jedoch nahezu vollständig vernichtet wurde, wieder aufleben zu lassen.
Bevor die Seesener Gäste in dem beeindruckenden Sende­saal des NDR-Landesfunkhauses am Maschsee Platz nahmen, erhielten sie in der Villa Seligmann, in der das EZJM seit Januar dieses Jahres beheimatet ist, einen Einblick in die dort erfolgende wissenschaftliche Arbeit. Von fachkundigen Mitarbeitern des Institutes erfuhren die interessierten Schüler und Lehrkräfte Grundsätzliches zur Rolle der Musik im jüdischen Gottesdienst. Außerdem beschäftigten sie sich am Beispiel der Odyssee des Notenbestandes, den der Oberkantor der Hauptsynagoge von Frankfurt am Main, Nathan Saretzki, 1938 aus der brennenden Synagoge gerettet hat, mit den dramatischen Ereignissen der Reichspogromnacht. – Das erhaltene Notenmaterial wird gegenwärtig im Rahmen einer Sonderausstellung unter dem Titel „Heben Sie das gut auf!“ in der prachtvollen, aufwändig restaurierten Villa aus der Gründerzeit gezeigt.
Dort steht zur Zeit neben der Orgel aus einer Berliner Privatsynagoge, die Andor Izsák im repräsentativen Treppenhaus hat einbauen lassen, und den zahlreichen Exponaten zur jüdischen Musikgeschichte auch ein Koffer von 24 Kilogramm Gewicht, der von den Schülern angehoben werden konnte, um nachvollziehen zu können, was es bedeutet, Noten in dieser Menge aus einem brennenden Gebäude zu tragen und diese anschließend vor den Nazi-Schergen verstecken zu müssen.
Am Abend stand dann der Besuch der Generalprobe für das Festkonzert auf dem Programm. Unter Leitung von Andor Izsák probten Chöre aus Hannover, Leipzig, Berlin und Heidelberg zusammen mit renommierten Gesangssolisten, Harfen- und Orgelbegleitung vor den rund 80 Seesener Gästen. Die erhielten so die seltene Gelegenheit, professionellen Musikern in der entscheidenden Phase der Vorbereitung auf ein Konzert über die Schulter zu schauen und zugleich die Aufführung wiederentdeckter synagogaler Musikwerke live erleben zu dürfen. Dabei war die zum Abschluss von Eli Jaffe, dem Generalmusikdirektor der Großen Synagoge von Jerusalem, bravourös dargebotene Tenorarie des jüdischen Kantors und Komponisten Jossele Rosenblatt, die von Andor Iszák mit großem Gestus am Steinway-Flügel begleitet wurde, sicherlich eines der Highlights einer rundum gelungenen Kulturfahrt, die für die Teilnehmer viel Überraschendes und Beeindruckendes bereithielt.