Eine Verhandlung mit tragischem Hintergrund

30-Jähriger muss sich wegen schwerer Körperverletzung verantworten / Bezug zu Langelsheimer Kindstötung

Von Maximilian Strache, Langelsheim

Einen sehr problematischen Fall hatte Richter Frank Rüger gestern vor dem Seesener Amtsgericht zu verhandeln. Angeklagt war ein 30-jähriger Goslarer, dem zur Last gelegt wurde, seine ehemalige Freundin brutal geschlagen zu haben.
Besondere Tragik erfuhr die Verhandlung dadurch, dass es sich bei der ehemaligen Lebensgefährtin um die 34-Jährige Langelsheimerin handelte, die im April diesen Jahres zwei ihrer Kinder getötet haben soll. Die Frau, deren Prozess Mitte September beginnen sollte, hat sich am 25. August in der Gefängnispsychatrie in Mohringen das Leben genommen.
Im Rahmen der Vernehmungen zur mutmaßlichen Kindstötung bei der Polizei Goslar hatte sie ausgesagt, dass ihr Freund, ein arbeitsloser Lackierer und Maler aus Goslar, sie am Abend des 31. Oktober, aufgesucht und brutal geschlagen hat. Angeblich, so lautete auch die Anklage der Staatsanwaltschaft, habe er die Frau ins Gesicht geschlagen und sie mit einem Werkzeug bedroht, dass geeignet war, einen Menschen zu töten. Zudem soll er der schwangeren Frau in den Bauch getreten haben.
Der Angeklagte, der in Begleitung seines Anwalts zu der Verhandlung gekommen war, schilderte auf Bitte des Richters zunächst die Beziehung zwischen ihm und der 34-Jährigen.
„Die Beziehung war problematisch, ja sogar katastrophal. Es ist immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen“, sagte der arbeitslose Maler. Der Goslarer, der einen vierjährigen Sohn aus einer anderen Beziehung hat, erwartete zum Zeitpunkt der angeblichen Körperverletzung, eine gemeinsame Tochter mit der Langelsheimerin. Im Vorfeld seines Ausraster, den er vor Gericht einräumte, ist es zu Streitigkeiten zwischen ihm und seiner Freundin gekommen. Sie habe seine Ex-Freundin und seinen Sohn beleidigt. Das habe ihn schwer getroffen. Am Abend des 31. Oktober kehrte er dann angetrunken zurück zu seiner Freundin.
Angeblich, so sagte er aus, habe sie ihn gebeten zurück zu kommen. Doch anstelle den Streit beizulegen, kochten die Spannungen erneut hoch. Nach einer weiteren Beleidigung seines Sohnes, seien die Nerven mit ihm durchgegangen. Er schlug die junge Frau ins Gesicht. Dabei zog sie sich ein Hämatom unter dem Auge zu. In den Bauch, so wie sie es bei der Polizei aussagte, habe er sie aber nicht getreten. Ansonsten wäre das Kind wahrscheinlich auch nicht gesund zur Welt gekommen. Eine Aussage, die sich auch mit dem Protokoll der Vernehmung deckte. Daraus zitierte der Richter „er wollte mir in den Bauch treten. Hätte er es getan, wäre das Kind wohl nicht zur Welt gekommen.“
Auch die Befragungen der Zeugen warf kein anderes Licht auf die Schilderung der Tat. Die beiden Schwestern des Angeklagten sagten aus, dass sie einen Tag nach der Auseinandersetzung nach Langelsheim gefahren sind, und eine verhältnismäßig gut gelaunte Frau antrafen. „Von Spuren eines gößeren Kampfes war in der Wohnung nichts zu sehen.“ Auch die Mutter der 34-jährigen Langelsheimerin wurde zu dem Tathergang von Richter Rüger befragt. Die 62-jährige Hausfrau aus Astfeld rang verständlicherweise mit ihrer Fassung, und gab ihre Sicht der Dinge zu Protokoll. Aber auch ihre Aussage konnten den Vorwurf gegen den Angeklagten nicht verdichten.
Der Vorwurf der schweren Körperverletzung war aus Sicht von Richter und Staatsanwaltschaft nicht haltbar. Das Verfahren wurde eingestellt. Als Auflage muss der Angeklagte 250 Euro an den Kinderschutzbund Langelsheim zahlen. Dafür hat er sechs Monate Zeit.
Rüger begründete die Einstellung des Verfahrens auch mit dem Schicksal des Angeklagten. Der junge Mann habe seine erst viermonatige Tochter durch die Tat im April verloren. Solch einen Schlag gelte es erst einmal zu verkraften. Wenn so etwas überhaupt möglich ist, wie der Richter zu Bedenken gab.
Gegenwärtig befindet sich der 30-Jährige in einer stationären Therapie, um seine Alkoholsucht in den Griff zu bekommen. Ende November endet die Therapie. Dann wird er seine Therapie ambulant fortsetzen.