Ermordeten die Würde des Namens zurückgegeben

Rolf Ballof (links) übergab das Totenbuch der Jacobsonschule an Schulleiter Stefan Bungert und Schüler des Jacobson-Gymnasiums. (Foto: Knoblich)
 
Am Gedenkstein des Schulzentrums legten Schulleiter Stefan Bungert, Schüler Tim Steinhöfel und Schulsprecher Philipp Görtler einen Kranz nieder. (Foto: Knoblich)

Früherer Schulleiter Rolf Ballof übergibt dem Jacobson-Gymnasium das Totenbuch / Feierstunde am Gedenkmal

Fast zwei Jahrzehnte hat er recherchiert und gesucht; und er ist – fast möchte man sagen: leider – nur allzu oft fündig geworden. Die Rede ist vom ehemaligen Direktor des Seesener Jacobson-Gymnasiums, Rolf Ballof. Im Beisein von Schülerinnen und Schülern übergab er am Dienstag ein von ihm erarbeitetes Totenbuch an Schulleiter Stefan Bungert.

Von Karsten Knoblich

Seesen. Das Datum für diese Übergabe, der 72. Jahrestag der Reichspogromnacht, war sehr bewusst gewählt. Von diesem Zeitpunkt an, als man auch in Seesen die Synagoge brandschatzte, wurde der staatliche Antisemitismus im Nazi-Regime zur unmittelbaren Existenzbedrohung für die Juden. „Im August 1942 waren fast 40 ehemalige Schüler der Jacobsonschule zugleich im Konzentrationslager Theresienstadt inhaftiert“, machte Rolf Ballof bei der Gesprächsrunde im Foyer der Aula des Schulzentrums deutlich. Dies sei zunächst nur eine Zahl, doch dahinter stünden Menschen mit ihren Namen. Menschen, denen die nationalsozialistischen Verfolger ihre Würde, auch die Würde des Namens, genommen hätten. Mit den eintätowierten Häftlingsnummern habe man sie in Zahlen verwandelt. „Mit dem Totenbuch wollen wir den ermordeten ehemaligen Schülerinnen und Schülern nun ihre Namen zurückgeben“, sagte Ballof. Exemplarisch erinnerte er an das Schicksal der Jacobson-Schülerin Lilo Rosenbaum, die im November 1943 in Lublin ermordet worden war.
Nur die Namen sollten auch Inhalt des Buches sein, stellte der Oberstudiendirektor a. D. heraus, denn: „Das Totenbuch eignet sich nicht für Statistiken; es ist alles vermieden worden, was Statistik ermöglichen könnte. Die Namen sollen nicht wieder hinter einer Zahl verschwinden.“
Von einer Schülerin nach seiner Recherche in den Archiven gefragt, antwortete Rolf Ballof: „Das war im Grunde genommen eine schlimme Arbeit. Auf der einen Seite wollte man zwar alle Namen finden; hatte man dann aber wieder einen gefunden, dann war es jedesmal ein Schock“.
„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, mit diesem Zitat schlug Ballof einen Bogen in die heutige Zeit und wandte sich an die anwesenden Vertreter der Klassen und Jahrgänge. Niemand wolle Masse sein oder werden. Das bedeute aber auch, sich nicht in seiner Meinung der Masse unterzuordnen, wie es in der Zeit des Nationalsozialismus Wirklichkeit geworden sei. „In eigenem Namen zu denken und zu sprechen, ist unser aller Verpflichtung uns selber gegenüber“, sagte der Pädagoge. Am Ende nannte Rolf Ballof dann doch noch eine Zahl, und es wurde ganz still im Aula-Foyer – 260 Schülerinnen und Schüler der Geburtsjahrgänge 1850 bis 1924, die in der Jacobsonschule lebten und lernten, wurden in der Shoa um ihr Leben gebracht.
Gleich im Anschluss an die Übergabe ging es mit dem Totenbuch zum jüdischen Gedenkstein im Schulzentrum. Im Gedenken an die Zerstörung der Seesener Synagoge, an den ermordeten Verwalter Siegfried Nußbaum und alle während der Naziherrschaft ums Leben Gekommenen wurde hier ein Kranz niedergelegt. Schüler Tim Steinhöfel verlas den Text der Inschrift des Gedenksteins. Schulleiter Stefan Bungert bezeichnete Seesen hier als Ort kollektiver Erinnerung und stellte vor allem das von Schulgründer Israel Jacobson geprägte „brüderliche Mit- und Nebeneinander“ in den Mittelpunkt seiner Gedenkansprache. Angesichts der Schrecken des Nazi-Regimes gebe es eine Verpflichtung für ein friedliches Miteinander.
Die Übergabe des Totenbuchs, dass zunächst einmal im Pädagogischen Zentrum des Jacobson-Gymnasium ausgestellt wird, war der Auftakt zur Festwoche „200 Jahre Jacobstempel“. Weiter geht es am morgigen Freitag, 12. November, um 11 Uhr mit einer öffentlichen Feierstunde in der Aula des Schulzentrums, mitgestaltet von Schülern des Jacobson-Gymnasiums. Erwartet wird dann auch der Landesrabbiner von Niedersachsen. Den Festvortrag hält Prof. Dr. Simone Lässig von der TU Braunschweig.