Erwin Pelzig stellt sich dem Seesener Kulturforum

Es war wieder einmal ein Volltreffer den die Planer des Seesener Kulturforums um Walter Kien herum auf die Bühne gelockt hatten. Die Kunstfigur des „Erwin Pelzig“, alias Frank-Markus Barwasser war also zum ersten Mal in Seesen und nach dem begeistert gefeierten Auftritt des Franken bleibt die Hoffnung auf ein Wiedersehen an gleicher Stelle.

Pelzig steigt sofort in die Aktualitäten der Zeit ein, spricht über Schäuble („Die Gemütlichkeit is over!“), über alte und neue Nazis, über nahe und ferne Außengrenzen, sowie über die „Meister der verkürzten Gedankengänge“ (Deutsche Bank, Blatter und VW…). Die „kognitive Dissonanz“ im politischen „Schönreden“ zieht sich als roter Faden durch das Programm. Die „Pegida“-Bewegten, die vorgeblichen „Retter des christlichen Abendlandes“ sind Thema: Sie „wollen nicht Pack genannt werden, das Gesindel!“
Ein zweites kabarettistisches Credo ist André Gides Bekenntnis: „Glaube denen, die die Wahrheit suchen und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“ Und Pelzig-Barwasser ist immer wieder auf der Suche, das sind oft begriffliche Klarfassungen, die der wahren Bedeutung nachspüren: Der „Negativ-Zins“ der Banken muss heißen „Positiv-Enteignung“! Er bringt Klartexte: „Raub am Steuerzahler“, „Ökonomie ist Glaubenssache“, politisch regierender Proporz hieße, das “Leben auf Zufall ausrichten.“ Pelzig zeigt an den Biografien solcher Proporz-Politiker den Unsinn auf. So nennt er auch Ilse Aigner : „weiblich, bayrisch, überfordert“.

Per Losverfahren wird im Publikum das Ministerium für Landwirtschaft neu besetzt: Der Gewählte mit der Nr. 74 ist Masseur! Die Nr. 176 wird als Fahrer für den Neu-Minister ermittelt. Pelzig demonstriert: „Die große schöpferische Kraft liegt im Zufall!“ An späterer Stelle ist dann auch die „Flinten-Uschi“ biografischer Zufall.

Der Kabarettist inszeniert immer wieder Dreier-Stammtisch-Debatten: Dr. Göbel (Rotweintrinker) steht für den protestantisch-konservativen Part, Hartmut (Biertrinker) ist der einfach gestrickte Dummschwätzer. Pelzig komplettiert das Trio und bevorzugt klares Wasser!

Pelzig thematisiert auch immer wieder die Angst: Seine Ideen erscheinen kabarettistisch absurd, aber er stellt fest, viele davon seien bereits Wirklichkeit geworden. Dann heißt es auch: „Eine gesunde Wirtschaft braucht eine kranke Gesellschaft!“

Neid kommt zur Angst. Pegida ist erneut Thema. „Nur wer die Hosen voll hat, sucht den frischen Wind!“ Optimismus sei nichts anderes als fehlende Information. Es bleibt die „Angst um die Resthoffnung“.

Der Kabarettist Frank-Markus Barwasser wäre auch kurz vor elf Uhr noch nicht am Ende, das begeisterte Publikum beim Seesener Kulturforum ist noch nicht ermüdet, aber Pelzig sagt auch: „Alles, was nach 23 Uhr ist, ist Körperverletzung am Publikum“. So bleibt ihm zum Schluss eine unendlich zu erweiternde Litanei-Liste mit „ich möchte wissen“, wie und ob und wer und wann endlich…
Barwasser lobt am Ende, nicht nur von der Bühne herab, sondern auch im privaten Gespräch das Publikum in Seesen.

Joachim Frassl