„Friede ist die Achtung der Menschenwürde“

   

Gedenkfeier aus Anlass des Volkstrauertages am Ehrenmal in der Kernstadt / Mahnende Worte Ballofs

Volkstrauertag 2011 in Seesen – die Gedenkfeier am Ehrenmal stand wiederum nicht nur im Zeichen der Erinnerung, sondern auch im Zeichen der Mahnung. Rolf Ballof, der als Repräsentant des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge in diesem Jahr abermals die Ansprache hielt, wies zunächst einmal auf die neue Inschrift unter der Kuppel am Ehrenmal hin, die da lautet:

‘Wir beklagen die Toten aller Gewalt, der politischen, rassischen, ethnischen und religiösen Verfolgungen, des Terrors, der Kriege, der Vertreibungen, des Fremdenhasses wir hoffen auf Frieden unter den Menschen.‘

Rolf Ballof: „Mit der ergänzenden Inschrift bezeugen und beklagen wir die Opfer einer noch andauernden vielfältigen, die Würde der Menschen verneinenden Gewalt auf dieser Welt.“
Wie in allen bundesdeutschen Städten und Gemeinden versammelten sich am gestrigen Sonntag auch in der Kernstadt Seesen die Vertreter der Stadt sowie die Abordnungen zahlreicher Vereine, Verbände und Organisationen am Ehrenmal, um den diesjährigen Volkstrauertag in einem würdigen Rahmen zu begehen.
Sie alle gedachten dabei aber nicht nur der im Krieg gefallenen Soldaten, sondern aller Opfer von Gewaltherrschaft und Terror; erinnerten sich der Frauen, Männer und Kinder, deren Leben gewaltsam beendet wurde.
Nach der Totenehrung durch Seesens Bürgermeister, Erik Homann, der aus dem Totengedenken von Bundespräsident ChristianWulff las, und einem weiteren Choral war es dann Rolf Ballof, der die zentrale Gedenkansprache hielt. Ballof wörtlich: „Wir haben an die Opfer der Gewaltherrschaft der Konzentrationslager, der Gestapogefängnisse und der Opfer der deutschen Teilung erinnert. Wir haben auch die Opfer der Terroristen und der Bürgerkriege genannt. Damit erfüllen wir eine Pflicht von Nachfahren, denen die Opfer diese wie ein letztes Vermächtnis übergeben haben, nämlich an sie zu erinnern, ihrer zu gedenken. Wir treten auch deshalb ein in diese Pflicht, weil wir Teil unserer und der Menschheit Geschichte sind und für diese zwar nicht persönlich, jedoch als Gesellschaft Verantwortung für die Zukunft tragen.“
Was ist Frieden, was Frieden unter den Menschen? Diese Frage stellte Ballof in seiner Rede und versuchte im Anschluss, den Frieden genauer zu bestimmen. Frieden sei überall dort, wo die Würde des Menschen geachtet werde; Gewalt sei, dem Menschen seine Würde zu nehmen, besonders dann, wenn ihm das Kernstück der Würde – sein Leben – genommen werde, merkte der Vertreter des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge in diesem Zusammenhang mit Nachdruck an.
Rolf Ballof: "Das Nachdenken über die Würde des Menschen hat eine lange philosophische und auch religiöse Tradition. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die die UNO 1948 beschlossen hat, heißt es:
Da die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnende Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in aller Welt bildet [....] verkündet die Generalversammlung die vorliegende Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als das von allen Völkern und Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal.
Übrigens hat Stéphan Hessel, selbst ein im KZ Buchenwald seiner Würde beraubter, doch Überlebender, an der Erklärung der UNO mitgearbeitet. Angesichts der Verwerfungen in den modernen Gesellschaften hat er in den letzten Jahren mit seinen Schriften „Empört Euch!“ und „Engagiert Euch!“ zur Herstellung der Würde aufgerufen.
An die Erklärung der UNO hat sich unser Grundgesetz angeschlossen und in Artikel 1 formuliert:

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten.

Und in einer Verfassung eines Bundeslandes steht der Satz: „Die unveräußerlichen Menschenrechte, Leben und Gesundheit bestimmen das Zusammenleben der Menschen“.
Der Anspruch ist hoch – ein Ideal nennt es die Erklärung der UNO – für die Würde des Menschen ist bestimmend, dass er nicht Objekt von Handlungen werden darf, sondern stets Subjekt seiner Handlungen bleiben muss und dass es die Verpflichtung der Gesellschaft ist, ein solches selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Genau das fordert Hessel in seinen Schriften ein.
Konfrontiert man dieses Ideal mit der Realität in unserer Welt - ein kurzer Blick auf die Realitäten soll genügen – könnte für viele Menschen auf dieser Welt über ihrer Realität die Torinschrift zu Dantes Hölle stehen „ Laßt jede Hoffnung hinter euch, ihr, die ihr hier eintretet ("Lasciate ogni speranza, voi ch'entrate!").
Menschen in Afrika, denen die Würde der Entfaltung und des Überlebens genommen werden, machen sich auf den Weg nach Europa – viele von ihnen kommen nicht ans Ziel, andere verlieren noch das an Würde, was ihnen geblieben war; Hunger treibt Menschen aus Somalia in die Nachbarstaaten, wo sie – wie zuhause – von den erbarmungslosen Terroristen der Al – Shabab bedroht und getötet werden. In Tibet verdrängen und vertreiben chinesische Machthaber Tibeter aus ihren angestammten Gebieten und Regionen, die Würde des Lebens und der Entfaltung wird Tibetern vorenthalten. Im Nahen Osten finden die Beteiligten keinen Weg, den Menschen Frieden zu bringen; manchmal kommt einem der Gedanke, dass Frieden gar nicht wirklich gewollt wird. Enteignungen, Vertreibungen und gegenseitige würdeverletzende Diskriminierung sind an der Tagesordnung.

Viele Menschen sind ohne Hoffnung auf bessere Zeiten.

Dann geschah aber etwas im nun ablaufenden Jahr, dass Menschen in Tunesien, Ägypten, Libyen und Syrien gegen die Machthaber aufstanden, um ihre Würde wiederherzustellen. Viele haben dabei ihr Leben verloren und verlieren es auch jetzt noch in Syrien. Auch ihrer gedenken wir heute. Die Hoffnung, die Hölle hinter sich zu lassen und das Ideal des Menschseins zu verwirklichen, gab ihnen den Mut, sich zu empören und zu engagieren. Sie haben gezeigt, wie damals unsere Mitbürger in der ehemaligen DDR und in den ehemals zum Machtbereich der SU gehörenden Völker es getan haben, dass Freiheit und Würde Bestandteile des Friedens unter den Menschen sind. Sie haben der Welt den Weg aus der Hoffnungslosigkeit, aus der Hölle der Entwürdigung gezeigt und wollten und wollen den Traum von der Würde aller Menschen verwirklichen.
Die Formen der Gewalt oder auch unsere Aufmerksamkeit haben sich geändert. Die Arabellion und die anderen erwähnten Beispiele sind keine Kriege im herkömmlichen Sinne, kein vom Nationalismus geprägter Kampf um Grenzen, Gebiete und Herrschaft, aber trotzdem Gewalt.
In den Konflikten unserer Zeit geht es um Wiederherstellung oder Behauptung der Würde des Menschen. Arbeit gegen Gewalt ist nicht mehr nur die Verhinderung von Kriegen, sondern die Überwindung der Ungerechtigkeiten und Entwürdigungen. Die Grenzen sind andere geworden: die umkämpften Grenzen sind die Grenzen zwischen Gruppen mit und ohne nachhaltige Lebenschancen, es geht um Freiheit und Unfreiheit, um die Möglichkeit, selbstbestimmtes Leben zu führen, es geht auch um Grenzen zwischen Arm und Reich, satt und hungrig, zwischen Wasserbesitzern und Wasserbedürftigen,
Der Nationalismus hat seine alles überformende Kraft verloren, wir stehen hier am Mahnmal seiner Katastrophen und gedenken der Toten der vielen Kriege. Neue Gefahren gehen von den Konflikten an den Grenzen aus, die ich eben beschrieben habe. Diese Konflikte und damit die Gewalt, die von ihnen ausgeht, lassen sich nur durch beharrliche Arbeit für die Würde aller Menschen bewältigen. Das ist die friedens-bzw. kriegsentscheidenden Frage unserer Zeit.
Arbeiten wir daran, lassen wir uns nicht entmutigen, es gibt Hoffnung.“


Mit der Kranzniederlegung durch die Stadt Seesen, der zahlreichen Vereine, Verbände und Organisationen – vom Sinfonischen Blasorchester des MTV umrahmt – sowie der dritten Strophe der Deutschen Nationalhymne klang die sonntägliche Feierstunde am Ehrenmal aus.
Wenig später dann wurde auf dem Friedhof Seesen der am Ende des Krieges umgebrachten Kriegsgefangenen, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter gedacht.