„Früher standen wir nach Bananen an, heute ist Bildung eine Mangelware“

Katja Kipping stand Rede und Antwort.

„Beobachter“ im Gespräch mit Katja Kipping (MdB/Die Linke.) / 60stündiger Doppeljob

Am Rande der jüngsten Veranstaltung des Ortsverbandes der Partei „Die Linke.“ im „Ratskeller“ hatte der „Beobachter“ Gelegenheit, ein Gespräch mit der Stellvertretenden Parteivorsitzenden Katja Kipping zu führen.

Seesen (G. J.). Bereits in jungen Jahren verspürte die gebürtige Dresdenerin den Drang, sich einzumischen und ihre Positionen zu vertreten. Sich politisch zu betätigen war ihrem Bekunden nach keine Ad-hoc-Entscheidung, sondern ein organischer Bestandteil während des Erwachsenwerdens. Die ersten politischen Aktivitäten setzte sie als Schulsprecherin frei, und zu Beginn ihres Studiums (Slawistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaft) observierte sie „Handlungsbedarf“. Katja Kipping: „Ich musste für einen Sprachkurs stundenlang anstehen. Früher haben wir nach Bananen angestanden, und jetzt ist Bildung Mangelware.“
Ihr Wunsch, sich kontinuierlich politisch zu engagieren, führte zur Kontaktaufnahme mit der Dresdener PDS, die mit ihrem kommunalpolitischen Engagement einiges bewirkt habe, betonte Kipping und schloss sich im April 1998 der Partei an.
Schneller als geplant, kam Katja Kipping über den Stadtrat in den Landtag – hier gehörte sie einem Arbeitskreis an, der politische Themen auf die Alltagswelt junger Menschen projizierte.
Ein paar Jahre später kriselte es bei der PDS: Die Bundestagswahlen 2002 endeten mit deutlichen Verlusten, und so wurde ein Sonderparteitag einberufen, auf dem kurzfristig ein neuer Parteivorstand gewählt werden sollte. Quasi über Nacht , erinnert sich Katja Kipping, habe sie seinerzeit der sächsische Landesvorstand überredet , für das Amt des Stellvertretenden Parteivorsitzenden zu kandidieren.
2007 schließlich fusionierten die Linkspartei.PDS und die WASG zur neuen Partei „Die Linke.“. Nach der gelungenen Neuorganisation befinde sich die Partei in Neubegründungsphase. Es handele es sich um eine notwendige Programmdebatte und in diesem Zusammenhang um die Frage „Was bedeutet Sozialismus im 21. Jahrhundert?“. Linke Politik, unterstrich Katja Kipping, bedeute nicht zurück zur DDR, sondern ganz im Gegenteil. Es gelte, aus den Fehlern der DDR zu lernen und ein höchstmögliches Maß an Gesellschaftsveränderung zu bewirken. Und einiges sei auch aus der Opposition heraus möglich. Sollte es eines Tages zu einer Bundesregierung mit Beteiligung der Partei „Die Linke.“ kommen, dann werde sie sich u. a. für die Umsetzung folgender Ziele einsetzen:
•Hartz IV-Sanktionen streichen.
•Rente mit 67 zurücknehmen
•Grundrente nicht unter 800 Euro.
•10 Euro Mindestlohn.
•Keine Kriegseinsätze im Ausland.
•Bürger durch Volksentscheide verstärkt einbinden.
Was die Kommunen anbelangt, so spricht sich Katja Kipping für eine bessere finanzielle Ausstattung aus. Diesbezüglich habe „Die Linke.“ ein eigenes Steuerkonzept erarbeitet. Löcher in den kommunalen Kassen führten nicht selten zu Einsparungsmaßnahmen, die für die soziale Infrastruktur fatale Folgen hätten.
Seit dem Einzug Katja Kippings in den Bundestag pendelt sie mit dem Zug zwischen Dresden und Berlin. Die Eisenbahn, so ist auf ihrer Homepage nachzulesen, „ist in den letzten Jahren noch mehr zu meinem Zuhause als schon in den Jahren davor geworden." Nicht geändert habe sich jedoch, dass sie in Dresden in einer Wohngemeinschaft lebe („In einer glücklichen Beziehung“) und den Bürgerinnen und Bürgern im Wahlkreisbüro, das sie gemeinsam mit der Landtagsabgeordneten Julia Bonk unterhalte, Rede und Antwort stehe.
Wenn Katja Kipping mal nicht als Bundestagsabgeordnete oder als Stellvertretenden Parteivorsitzende unterwegs ist – das sind round about 60 Stunden in der Woche – dann legt die Mitherausgeberin des Magazins „Prager Frühling“ beim Tanzverein Dresden ein flotte Sohle aufs Parkett oder ist als leidenschaftliche Fotografin auf Motivsuche.