Gedenken ist auch heute noch wichtig

Gedachten der Opfer der Reichspogromnacht am 9. November 1938: Propst Thomas Gleicher, Bürgermeister Erik Homann, Schulleiter Stefan Bungert und SPD-Ortvereinsvorsitzende Michaela Meyer.
 
Stefan Bungert: „Antisemitische Ressentiments sind auch heute noch tief verwurzelt.“

Erinnerung an die Reichspogromnacht von 1938

Die 25-Jahr-Feier des Berliner Mauerfalls überstrahlte in den vergangenen Tagen vieles. Bei einigen vielleicht auch die Erinnerung daran, dass der 9. November nicht nur ein Feiertag im wiedervereinigten Deutschland ist. Denn viele Jahrzehnte zuvor, im Jahr 1938 begann der „Übergang von der behördlichen Verfolgung zur physischen Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung“, wie es Gymnasialschulleiter Stefan Bungert ausdrückte.

Während der Reichspogromnacht wurden etwa 400 Juden ermordert, Tausende Synagogen, Versammlungsräume, Friedhöfe und jüdische Geschäfte zerstört oder geplündert und zirka 30.000 Juden inhaftiert. Daran erinnerten auch diesmal Propst Thoma Gleicher, Bürgermeister Erik Homann, Stefan Bungert und die SPD-Ortsvereinsvorsitzende Michaela Meyer am Ehrenmal auf dem Jacobsonplatz.
„Die Gefahr der
‘Entmenschlichung’ besteht auch heute noch“
„Oft werde ich gefragt, warum wir das eigentlich noch tun. Der 9. November 1938 läge doch schon so lange zurück. Da sei es doch irgendwann auch mal gut“, begann Homann seine Rede. Er habe darauf zwei Antworten. Zum einen verjähre Mord und Völkermord nicht, denn „unser Bundestag hat mit der Abschaffung der Verjährung für diese Taten bereits eine eindeutige Antwort gegeben.“ Der Aspekt liegt in der Ursache für die damals begangenen Gräueltaten. „Die wesentliche Ursache ist die menschliche Fähigkeit, das normalerweise empfundene Mitleid mit anderen Menschen, wenn diesen Unrecht geschieht, wenn diese sogar gequält und getötet werden, unter Umständen ausschalten zu können. Die Voraussetzung dafür ist, dass man in den ‘Anderen’ nicht mehr ‘Mitmenschen’ sieht. Die ‘Anderen’ werden also ‘entmenschlicht’. Die Gefahr, dass wir unsere Mitmenschen nur noch als die ‘Anderen’ wahrnehmen ist heute nicht kleiner als damals. Weil diese Gefahr keiner zeitlichen Beschränkung unterliegt, weil wir uns daran immer erinnern sollen, gedenken wir am heutigen Tage der Opfer der Reichspogromnacht von 1938.“
Auch Propst Gleicher warnte davor, das „latente Böse“ zu unterschätzen: „Es darf in der Bundesrepublik keine Räume geben, in denen sich rassistische und antisemitische Agitation oder körperliche Gewalt ausleben könnten. Weder in Fußballstadien, noch in vorgetäuschten Demonstrationen, noch in politischen Gremien dürfen Menschenverachtung und Inhumanität Raum bekommen.“
Stefan Bungert, Schulleiter des Jacobson-Gymnasiums und Vorsitzender der Jacobson-Stiftung erinnerte an „die durch nichts zu rechtfertigende verbale Entgleisung eines Seesener Ratsherrn im Sommer dieses Jahres.“ Der Vorfall sei beredtes Zeugnis dafür, wie tief antisemtische Ressentiments auch bei uns weiterhin verwurzelt seien, nicht nur bei pöbelnden Hooligans oder einschlägig bekannten Neonazis, sondern auch unter dem Deckmantel wohlanständiger Bürgerlichkeit in der Mitte der Gesellschaft.
Die SPD-Ortsvereinsvorsitzende Michaela Meyer stellte in ihrer Ansprache den Aspekt heraus, dass das Unrecht nicht irgendwo stattgefunden habe, sondern auch direkt in Seesen, von Seesenern ausgeübt. „Auch unser Jacobstempel – der hier an dieser Stelle stand und vor 200 Jahren feierlich eingeweiht wurde, wurde in dieser Nacht zerstört, niedergebrannt. Die Synagoge, die weit über Seesen hi­n­­­aus sehr große und maßgeblich Bedeutung hatte, wurde in Schutt und Asche gelegt. Von Seesenern!“ Sie schloss mit der Erinnerung an das Jubiläum in Gedenken an 200 Jahren Synagoge: „Freude und ein Mitein­ander – unabhängig vom Glauben des Einzelnen. Die Hoffnung, die Zuversicht und unser aller Glaube sind es, die uns zusammenkommen lassen.“
Mit den vier Sprechern hofften rund 50 Anwesende, dass sich das vor 78 Jahren Geschehene nicht wiederholen werde.