Gerhard Polt und die Well-Brüder beim Seesener Kulturforum

Gerhard Polt, der ausgefuchste Komödiant mit dem Langweiler-Gesicht sitzt und wartet derweil seine Auftritte und Stichworte ab.
 

Die Autobahnanbindung von Seesen ist Gold wert! Auf der Reise nach Hamburg und Schweden machten „Gerhard Polt und die Well-Brüder ausm Biermoos“ beim Seesener Kulturforum Station und trafen auf eine vollbesetzte, seit einem dreiviertel Jahr ausverkaufte Aula.

„Mir ham´s glei wieder g´funden das Seesen“, so beginnt Michael den Abend. Die ersten Gstanzln sind dem Harzrandort gewidmet: Aktuelle Spottspritzer (oder Spotlights?) treffen den „Pallinger als Don Quixote gegen die Windradeln“. Der Verweis für die „Oberschul-Gymnasium-Kurse direkt neben dem richtigen Gymnasium“ wird mit einem Schlussjodler bedacht. Spohr und Steinway finden Erwähnung.

Gerhard Polt, der ausgefuchste Komödiant mit dem Langweiler-Gesicht sitzt und wartet derweil seine Auftritte und Stichworte ab, um dann dominierend und selbstgerecht seine politischen Philosophien breit zu treten, in aller Weitläufigkeit der Argumentationen. Er berichtet vom „Mega-Event“ der Feuerwehr im bayrischen Hausen, vom Weißbier-Sponsoring für erfolgreiche Jugendarbeit, vom „El Silenzium“-Spiel des Startrompeters vor allen „FIPs“ vom Landkreis.
Musikalisches wechselt mit Geredetem. Die Well-Brüder mit Trompete, Harmonika und Tenorhorn spielen als „Feuerwehrkapelle Hausen“ die vier Sätze der „großen Feuermusik in D-Dur“ von Georg Friedrich Händel, dem Fast-Hausener: brilliant der Stofferl an der hohen Trompete („vulgo: Bachtrompete“). Satz Nr. 4 scheint am Ende in einer fürchterlichen Kakophonie zu enden, ehe die Feuerwehrer im Kreisverkehr doch noch harmonisch die Kurve kriegen.

Der Polt-Opa pädagogisiert über „Demokratler und Guillotine“, über die Anerziehung eines Geschichtsbewusstseins bei seinem Enkel „Geofrei“ (Geoffrey). „Meinungsfreiheit ist schön, aber wenn man keine Meinung hat?“ - „Köpfen ist nichts Neues. Das ist ein alter Hut!“ Mit Marschmusik und Tanz als Intermezzo auf der dachbodenhaft vollgestellten Bühne heißt es: „Europa steht am Abgrund“ bei den vielen Salafisten und Flüchtlingen. „Schweinsbraten für Europa“ heißt die Devise. Polt kommentiert: „Die haben sicher Erfolg! Sie haben schon ein Angebot aus Dresden.“ Die in das Geschichtsbild des Buam einzupflanzenden Helden-Idole reduzieren sich auf Winnetou und den U-Boot-Kommandanten Günther Prien. Bayern ist Vorhof zum Paradies, Mecklenburg-Vorpommern dagegen die Hölle.
Je länger das Bühnenprogramm läuft, umso häufiger verbinden die Well-Brüder und Gerhard Polt ihre Einwürfe. Bei den Wells beeindruckt immer wieder die scheinbare Spontaneität von Musik, Text und Aktion und die große Vielfalt ihrer Instrumente (beim Stofferl von Trompete, Querflöte bis Harfe), beim Kabarettisten die parodistische Wandlungsfähigkeit und Feinfühligkeit trotz derbem Gehabe: Hochwürden Brabang from India wird vom Michael interviewt. Die Szene ist ein Vorgriff in die Zukunft und es geht um die Re-Christianisierung in Bayern.
Großweltlicher Kuhstallmief wird ironisch verdichtet; die bedeutendsten Schmankerln der bayrischen Geschichtsküche (von der Doktorarbeit eines Guttenberg bis hin zu Rollbraten und Wiesn-Maß) werden museal gesammelt. Bayrische Geschichte ist sauguat! Die Alphörner, die sich in den ersten Reihen im Saal Schulterstützen suchen, dürfen dann nicht fehlen: Elegische Stubenmusik greift aus in den weiten Raum, wirkt dann jagdmäßig bewegt, dann fetzig-rockig, findet „Wochenend und Sonnenschein“ neben „Freude schöner Götterfunken“ und wird durch Gerhard an der Kuhglocke und dem dezenten „Mäh!“ zum Quartett ergänzt. Rindsguat das Ganze! Jeder Titel wird als Highlight empfunden, mal bei Vivaldi, dann beim Schuhplattler (Stofferl), beim zum Schreien komischen Bauchtanz vom Karl (mit brilliant flexiblem Wamperl) und schließlich beim Irish Dance des Mikel Well. Die sponsorische Schmier-Rundreise der Kiste Dom Perignon darf hier nicht vergessen werden, auch nicht die madrigale Musik mit Harfe, Gitarre und Drehleier, die in wildem Tanz endet, auch nicht der „Erdowahn“ am „Böhmerwahn“.
„Der Vorhang fällt“ heißt es beim Seesener Kulturforum zum Schluss mit Harfe (Stofferl), Klarinette (Karli) und Horn (Michael) begleitet, während Polt in herrlicher André Heller-Manier brutal-herzig wienerisch den theatralischen Abgesang bringt, in abgerissenem schwarze Anzug, fetzend weißem Schal und mit zerbeultem Zylinder, wie ein Kumpan des Lumpazivagabundus und Sprachrohr des lieder-lichen Kleeblatts neben ihm.

Die standing ovations zum Schluss waren ehrlich verdient!

Dr. Joachim Frassl