Gespenst der Armut ist in Rauna nach wie vor allgegenwärtig

Anita Lubuze und Janis Sika berichteten im Verlauf des Gottesdienstes über die Situation in Rauna, bedankten sich für die Spendenbereitschaft und machten deutlich, was mit diesen Spenden geschieht.
 
Die Mitglieder der Delegation in Rauna, die sich im Rahmen einer Gesprächsrunde im Kirchenzentrum den Fragen stellen.
 
Die Gesprächsrunde im evangelisch-lutherischen Kirchenzentrum Seesen.

Siebenköpfige Delegation aus lettischer Patengemeinde zu Gast in Seesen / Dank an die Bürgerinnen und Bürger

„Es war ein lang gehegter Wunsch, sich einmal ein Bild von der Stadt zu machen, in der die Menschen wohnen, leben und arbeiten, die uns in den vergangenen Wochen, Monaten und Jahren durch ihre Spendenbereitschaft so tatkräftig unterstützten“. Darüber hinaus, so die Vorsitzende der „Kirchlichen Stiftung“ in der lettischen Partnergemeinde Rauna, Anita Lubuze, wollte man den rund einwöchigen Aufenthalt in Seesen auch dazu nutzen, um Dank zu sagen, um über die Situation in Lettland im Allgemeinen und über die in Rauna im Besonderen zu informieren und um „Pläne für die Zukunft zu schmieden“.

Seesen (poe). An Gründen für einen Besuch mangelte es also nicht, als sich eine siebenköpfige Delegation unter der Leitung von Anita Lubuze, dem Vorsitzenden des Kirchenvorstandes in Rauna, Janis Sika, und der ehemaligen Direktorin des dortigen „Pensionats“, Mudite Sika, jetzt auf den Weg gen Westen machte. Und weil der Terminkalender der Gäste randvoll ausgebucht war, mussten an dem vom 1. Vorsitzenden der „Kirchlichen Lettlandhilfe“, Pastor i. R. Kurt Hoppe, ausgearbeiteten Rahmenprogramm gar einige Abstriche vorgenommen werden.

Gespräche, Exkursionen
und „Arbeitseinsätze“

Denn auf die Gäste aus Rauna wartete neben den Gesprächen mit den Mitgliedern der Kirchlichen Lettlandhilfe, den Verantwortlichen des evangelisch-lutherischen Alten- und Pflegezentrums St. Vitus und dem Bürgermeister der Stadt Seesen, Hubert Jahns, unter anderem auch eine Besichtigung der St. Andreas-Kirche und des Alten- und Pflegezentrums sowie eine Exkursion mit dem Ziel Helmstedt. Dort hatte es der Geschäftsführer des „Spangenberg-Sozialwerks“, Ulrich Müller, übernommen, die Delegation aus Rauna über die Aufgaben und Ziele der gemeinnützigen Einrichtung zu informieren. Er war es auch, der nach einem Rundgang durch die Betriebsräume die Zusage erneuerte, die Arbeit der Kirchlichen Lettlandhilfe auch künftig durch die Bereitstellung von Bekleidungsspenden unterstützen zu wollen.
Nicht unerwähnt bleiben dürfen letztlich noch die beiden Arbeitseinsätze, die die Besucher aus Rauna zu nachmittäglicher Stunde in die ehemalige Teigwarenfabrik führten. Die Gäste aus Lettland hatten nämlich darum gebeten, doch einmal hautnah miterleben zu können, wenn die Sachspenden in der Sammelstelle angeliefert, sortiert und verpackt werden. Dass es da nicht nur beim Zuschauen blieb, sondern tatkräftig Hand angelegt wurde, versteht sich von selbst.

Harsche Kritik an
lettischer Regierung geübt

Eingeläutet worden war der knapp einwöchige Aufenthalt der Delegation mit einem Treffen im evangelisch-lutherischen Kirchenzentrum. Nachdem Kurt Hoppe die rund 40 Teilnehmer – darunter Mitglieder der Kirchlichen Lettlandhilfe, des „Gesprächskreises über den Glauben“ sowie einige weitere Gäste – begrüßt hatte, zeichneten Anita Lubuze und Janis Sika ein nüchternes und schonungsloses Bild der gegenwärtigen Situation in Lettland. Sie sprachen von der „herrschenden Unzufriedenheit der lettischen Bevölkerung mit Blick auf die Arbeit der Regierung und der Parteien“; warfen der politischen Führung in Riga und dem Parlament vor, die zu einem erheblichen Teil hausgemachten Probleme als unmittelbare Folge mangelnder Kompetenz auf nahezu allen Gebieten nicht lösen zu können; stellten fast schon resignierend fest, dass sich die wirtschaftliche Lage Lettlands in den vergangenen Jahren „alles andere, nur nicht verbessert“ habe und betonten schließlich, dass das Gespenst der Armut nach wie vor allgegenwärtig sei – vor allem in den ländlichen Bereichen, wie zum Beispiel in Rauna. Auch hier würde es die kinderreichen Familien, die allein erziehenden Mütter sowie die kranken, arbeitslosen und alten Menschen besonders hart treffen.
Allerdings habe, wie die ehemalige Direktorin des „Pensionats“, Mudite Sika, einräumte, das Engagement der Kirchlichen Lettlandhilfe und die Spendenbereitschaft so vieler Menschen aus Seesen und Umgebung „ganz wesentlich dazu beigetragen, die größte Not zu lindern“.
Sie verwies auf die humanitären Hilfstransporte und die Aufbaulager in den Jahren seit 1990 ebenso, wie auf die Erfolge, die man seit Beginn des vergangenen Jahres mit dem Kleiderladen habe erzielen können. Sie appellierte, den Bürgern in Rauna auch weiterhin zu helfen. Und das vor allem unter dem Gesichtspunkt der Hilfe zur Selbsthilfe.

Projekt Altentagesstätte
nahm erste Hürde

Wie Anita Lubuze im weiteren Verlauf der Zusammenkunft erfreut zu berichten wusste, habe der von der Kirchengemeinde gestellte und an die Adresse der Europäischen Union gerichtete Antrag auf Fördergelder nunmehr die erste Hürde genommen. Nach ihren Worten passierte der Antrag auf die Gewährung von EU-Zuschüssen zur Einrichtung einer kleinen Alten-Tagesstätte nämlich einstimmig die regionalen Gremien, so dass er jetzt dem zuständigen Ministerium zur Genehmigung vorgelegt werden könne.
Bei dem Projekt „Altentagesstätte“ geht es bekanntlich darum, die Situation der älteren und alten Menschen in Rauna möglichst nachhaltig zu verbessern. „Viele von ihnen möchten ihren Lebensabend so lange irgend möglich in den eigenen vier Wänden verleben und sträuben sich, in ein viele Kilometer weit entferntes Altenheim umzuziehen; andere wiederum können sich einen solchen Schritt finanziell nicht erlauben“, merkte Anita Lubuze mit einem Hinweis auf die unterschiedlichen sozialen Sicherungssysteme in Deutschland und Lettland an. Und sie ergänzte: „Unser Ziel ist es daher, ein wenig Licht in den einsamen und fast immer düsteren und traurigen Alltag dieser Menschen zu bringen; ihnen also die Möglichkeit zu geben, am Leben in Rauna teilzunehmen“.
Für den Vorstand der Kirchlichen Lettlandhilfe und die Mitglieder nach eigenem Bekunden ein Projekt, dessen aktive „Begleitung“ – so unter anderem mit Blick auf die erforderliche Möblierung – sie sich durchaus vorstellen können; Kurt Hoppe: „Wir werden zunächst einmal abwarten, wie die endgültige Entscheidung mit Blick auf den EU-Antrag ausfällt, um dann mit den Partnern vor Ort, also mit den Mitgliedern der Stiftung und des Kirchenvorstandes in Rauna, über Einzelheiten zu sprechen“.

Offizieller Empfang
durch den Bürgermeister

Sicherlich mit zu den Höhepunkten des Aufenthalts in Seesen dürfte der Empfang der Gäste aus Lettland durch Bürgermeister Hubert Jahns gezählt haben. Jahns, der die Geschichte der Partnerschaft zwischen der Stadt Seesen und der Gemeinde Rauna noch einmal Revue passieren ließ, der an das „gute und freundschaftliche Verhältnis zwischen den beiden Kommunen“ erinnerte und der unter Berücksichtigung der Situation in Rauna deutlich machte, dass die Stadt Seesen die Partnergemeinde Rauna auf ihrem Weg in eine bessere Zukunft weiterhin unterstützen werde“, lobte bei dieser Gelegenheit die Arbeit der Kirchlichen Lettlandhilfe und dankte schließlich den Bürgerinnen und Bürgern, die durch ihre Spendenbereitschaft diese Arbeit auf eine sichere Grundlage gestellt hätten.
Dass man dem „Projekt Rauna“ auch künftig aufgeschlossen gegenüber stehen würde, signalisierte ferner der Vorsitzende des Altenheim-Vereins St. Vitus (und des Martin-Luther-Vereins in Braunschweig), Propst Thomas Gleicher, im Anschluss an eine Besichtigung der St. Andreas-Kirche und des Alten- und Pflegeheimes.

Auf dem Weg in die
Selbständigkeit begleiten

Als nach einer verdienten „Verschnaufpause“ – angesagt war eine Tagesfahrt in den Harz – schließlich Bilanz gezogen wurde, da ging es weniger um einen Blick zurück, als um einen Blick nach vorn. „Im Mittelpunkt der gemeinsamen Anstrengungen“, so formulierte es Kurt Hoppe, „muss das Bemühen stehen, den Menschen in Rauna mehr noch als in der Vergangenheit dabei zu helfen, auf eigenen Füßen zu stehen; sie also auf dem Weg in die Selbständigkeit zu begleiten“. Eine Zielvorgabe, die – wie Anita Lubuze und Janis Sika im Rahmen des Gottesdienstes in „St. Andreas“ in ihren Gruß- und Dankesworten bestätigten – den Wunsch der Stiftung und des Kirchenvorstandes in Rauna voll inhaltlich widerspiegeln würde.
Darüber hinaus, so merkte der 1. Vorsitzende der Kirchlichen Lettlandhilfe abschließend an, solle neben der „Soforthilfe“, wie man sie – mit einer rund zehnjährigen Unterbrechung – seit vielen Jahren schon leiste, das Thema „Diakonie“ verstärkt in den Fokus der erfolgreichen Zusammenarbeit gerückt werden.