Götz Alsmann, das große Jubiläum und die Verdienstmedaille

 

Das Seesener Kulturforum hatte guten Grund, den eigenen 30. Geburtstag angemessen groß zu feiern. Gratulanten und Mitfeiernde in der Aula im Schulzentrum waren dann viele Gäste, die schon seit Anfangstagen dabei waren, insgesamt ein „volles Haus“ bescherten und als musikalischen Botschafter vergangener Tage Götz Alsmann und Band genossen.

Walter Kien, Gründungsvater, Planer, Gestalter und seit Anfangstagen Vorsitzender des rührigen Vereins, begrüßte das Publikum und gestand, dass der Geburtstagsanlass doch „ein bisschen aufregender als befürchtet“ sei. Der bescheidene und vorsichtige Beginn seinerzeit halte den sportlichen Vergleich des Aufstiegs von Regionalliga, über 2. Liga hin zur 1. Bundesliga aus. Mit Kabarett der Göttinger „Gesellschaft für Ruhe und Ordnung“ im Bürgersaal hatte es einst begonnen. Das damalige Thema „Am besten nichts Neues“ könnte den Bogen schlagen in die aktuelle Veranstaltung, hin zu den musikalischen Ohrwürmern der Alsmann-Erinnerungen der 50er- und 60er Jahre mit „Alsmann in Rom“.

Danach mischte sich spontan Bürgermeister Eric Homann ein. Es habe ihn nicht länger auf seinem Platz gehalten. Und als schließlich das offizielle Rednerpult aus dem Jacobson-Haus auf die Bühne getragen wurde, war zu ahnen, dass Höheres ins Haus stand: Das Ehepaar Gabi und Walter Kien wurde völlig überrascht, war doch die Verleihung der „Verdienstmedaille der Stadt Seesen“ für sie vorgesehen. Der Laudator hob nach seinem launigen Vortrag hervor: „Durch Menschen wie Sie entsteht das Profil dieser Stadt.“ Und mit standing ovations von Publikumsseite wurden die Macher des Kulturforums danach beglückwünscht.
Dann hieß es: Bühne frei für Musik und Götz Alsmann und Band. Das sind Rudi Marhold (Schlagzeug), Markus Paßlick (Percussion), Ingo Senst (Bass) und Altfrid M. Sicking (Vibraphon, Xylophon, Trompete und Klarinette). Die Herren präsentieren sich themengemäß in alt-modernen, altlila-schwarz-weiß gestreiften glattest gebügelten Sakkos.

Das Wiedersehen startet mit „Sag mir quando, sag mir wann, ich dich wiedersehen kann.“ Übrigens: Alsmann und Freunde sind schon das neunte Mal auf der Seesener Bühne zuhause! Die Ohrwürmer erklingen deutsch, die Klassiker der ersten Südreisewellen werden rhythmisch aufgepeppt, mit Drive geht es Richtung Napoli („Ciao ...“), jazzig beswingt erklingen die Canzone-Klassiker von Adriano Celentano („Una Festa Sui Prati“) und Kollegen, teilweise südamerikanisch verjazzt. Das tut gut, verfälscht aber nichts, denn der wilde Rock jener Jahre wird spürbar. Tempo, atemlos, auch dann, wenn Götz Alsmann zwischendurch die Anekdoten der „Romreise“ verrät. Ein bisschen mafiös, ein bisschen „Spaghetti Aglio Olio“. „Du bist für mich die Schönste der Erde“ („La Piu Bella Del Mondo“ von Marino Marini).

Bei den italienischen Gassenhauern darf Hit-Lieferant Guiseppe Verdi nicht fehlen. Er wird mit „Il Trovatore“ eingebracht, allerdings so ohrwürmig, dass sich im Verlauf der Ouvertüre auch Bizets „Carmen“ und andere musikalische Überraschungen frech einmischen.
Neben den musikalischen Ohrwurmlinien ist viel Improvisation angesagt. Sicking soliert mit Vibraphon, Trompete und Klarinette, Götzi spielt Mandoline und Ukulele, findet neue Phrasen am Steinway-Flügel und ist sowieso hellwach für spontane Reaktionen, sei es bei unerwartet unerhörtem Handy-Gedüdel oder bei einem Deckenkabel, das sich plötzlich drohend von der Bühnen-Decke löst und zum Galgenstrick wird: Während „Azurro“ läuft, dichtet er einen dramatischen Text für neue, situationsgerechte Liedzeilen in den Vortrag hinein.
Es ist ein Geburtstags-Abend beim Seesener Kulturforum mit Cha-Cha-Cha, Mambo und Rumba in Roma und Napoli, deutsch getextet mit italienischen Einsprengseln, brillanten Musikern, einer Performance, die Spaß macht. Der Traum der Erinnerungen verweigert sich jedoch dem Belcanto. „Ich fliege, oho, ich singe, oho ….!“ ist nicht mit dem schmetternden „volare ... e … cantare!“ zu vergleichen. „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt“ ist das die typisch deutsche Version einer südlichen Vision à la Rudi Schuricke. Dort allerdings mit dem zeitgemäßen Schmalz, den die Musiker hier in Seesen – Gott sei Dank – mit Kunst, mit Tempo und mit Bravour abpolieren.
Das Geburtstagsfest des Kulturforums wurde zu einer gelungenen Veranstaltung, die nach den Zugaben vom Publikum mit standing ovations belohnt wurde. Und beim nächsten, dem zehnten Mal, könnte dann ein Alsmann & Band-Jubiläum in Seesen gefeiert werden!

Nebenbei: Damals, als diese herrlichen Schlager über italienischen Sommer und heiße Italienerinnen zuerst gesungen wurden, waren Klimaanlagen noch nicht Standard. Oh wäre doch für die Zukunft der Seesener Aula dafür eine Lösung angedacht!

Dr. Joachim Frassl