Grandios: Der Familie Popolski beim Seesener Kulturforum

  Von Joachim Frassl, Seesen

Das Seesener Kulturforum hatte eingeladen, und die ganze Familie war gekommen, das heißt: alle Popolskis (auf der Bühne) mit Cousine und alle Popolski-Fans im Saal der Aula. Popolski klingt polnisch, die Musik ist Popmusik, der Familie ist genauso chaotisch wie kreativ. Polnischer Wodka erscheint als das Lebens- und Tanzelexier. „Get the Polka started“ versprach das neue Programm der Musikkabarettisten. „Polka“, das klingt ein wenig verstaubt, wie 19. Jahrhundert, dort aber wie Exportschlager. „Verstaubt“ wirkt jedenfalls die „historische“ Filmprojektion im Hintergrund der Bühne: Tonfilm, polnisch, mit deutschen Untertiteln.
Da ist die unglaubliche Geschichte des Opas vorzustellen: „Der Familie Popolski kommt aus polnische Plattenbausiedlung in Bergarbeiterstadt Zabrze, in der Opa Popolski vor hundert Jahre komplette Popmusik erfunden hat und insgesamt 128.000 Top-Ten-Hits komponiert“, leider geklaut von einem windigen polnischen Gebrauchtwagenhändler.
Bandleader Pavel Popolski alias Achim Hagemann hält Opas Tradition mit Erfolg am Leben. Die Popolskis treiben das Publikum zurück zu den Wurzeln und zeigen, wie die Popmusik wirklich, authentisch gespielt werden müsste, nicht verfälscht durch Carpendale & Co. Das allzu Bekannte sei nur Plagiat, denn auch „Dieter Bohlen hat gestohlen alle Hits aus Polen!“
Chef Pavel im Nadelstreifenanzug heizt am Schlagzeug ein; die wilde Popolski-Anfangspolka entwickelt sich aus einem Kasachok zur Familien-Hymne. „Wudka“ ist die Droge für die musikalischen Höchstleistungen; auch für die ersten Reihen im Saal gibt es einen kleinen Wodka-Becher voll. Pavel stellt die Familie vor. Das sind neben ihm Mirek (Gitarre), Danusz (Keyboard), Henjek und Stenjek (Brass), Marek (Akkordeon), Andrzej (Gesang), Cousine Dorota (Gesang) und schließlich Janusz (Bassgitarre), „der jungste Bruder und der trubste Tasse von der ganze Familie“. Dorota preist Pavel als „der Heißeste von der Heißesten“ an, in der Tat ist sie in ihrem engen roten, geschlitzten Fischhautkleid verführerischer Mittelpunkt („Vierzehn Mal in Folge zur Miss Zabrze gewählt!“) Andrzey ist der Schönste der Familie und hat viel Ähnlichkeit mit dem Thomek von „Wetter der klappt“.
Die Ursprungsidee des „alles schöner, alles besser, alles polnisch“ durchzieht das gesamte Programm und schafft die Basis für vielfältige Parodie-Gags. Das Crossover der Musikstile bewegt sich zwischen Hard Rock, Reggae, Jazz-Ballade und Oper („Janusz und der Wolf“). Das „Lied der Schlümpfe“ crosst over zu Jimmy Hendrix, „Ein bisschen Spaß muss sein“ von Roberto Blanco wird zur langsamen Jazz-Ballade und endet im Lullaby. Mareks Karriere als Filmkameramann wird in einer Lichtbildschau in Erinnerung gerufen. Wer denkt da nicht an „Apolkalypse Now“, „Die Killerforelle“ und „Es war einmal in Zabrze“.
Der Bühnenaufwand mit Lichtorgel, Rückprojektion, Video-Live-Einspielungen und Verstärkertechnik ermöglicht eine krasse Show, die Technik dominiert manchmal die musikalischen Möglichkeiten und die Parodie. Das Thomek-Gottschalk-Double in der Person des Andrzej alias Andreas Schleicher ist charmantes Sonny-Boy-Bild vor Rotlicht-Werbung. Die Comedy dominiert die Musik, das Bild die Parodie und der heftige Polka-Drive des Schlagzeugs die anderen Instrumente. Gesanglich flexibel und ausdrucksstark sticht Dorota alias Iva Buric Zalac heraus, wohingegen die Zwillinge Henjek und Stenjek Background bleiben, so auch beim gemeinsamen „feurigste Polka-Tanz“.
Das begeisterte Publikum beim Seesener Kulturforum fordert mit Standing Ovations Zugaben. Gut so, denn auf die Weise kann endlich Janusz alias Martin Ziaja seine Polkaprüfung ablegen und – mit Bravour – bestehen. Der schüchterne Kleine enthemmt und enthemdet sich nach einem kräftigen Wodka-Powering zu wildem Rock. Seine „Cherry Cherry Lady“-Präsentation wird in Erinnerung bleiben. Gesamt-Resümee: „Da ging der Post ab durch der Decke“, aber die Aula steht noch.