Große Worte vom „Blockwart Gottes“

Am „Altar“ mit brunftigem Hirsch für einmaliges Erlebnis gesorgt: Andreas Rebers erfreute sein Seesener Publikum mit vorbildlosem Kabarett. (Foto: Mateo)
 
Für die obligatorische Künstlersignatur keine Mühen gescheut: Was ein echter Kabarettist ist, der kann auch akrobatisch. (Foto: Mateo)

Kabarettist Andreas Rebers entwirft beim Kulturforum bitterböses Gesellschaftskaleidoskop

Ich regel das – Predigt erledigt“. So heißt das neue Programm von Andreas Rebers, mit dem der Kabarettist, gebürtig im nahen Weserbergland, das Publikum beim Seesener Kulturforum erleuchtet.
Sein Orgeltisch auf der Bühne ist durch ein breites Antependium verdeckt: Die Gobelinsti­­­­­­­-ckerei zeigt eine miefige Waldszenerie mit röhrendem Hirsch. Auch sonst scheint alles dem Muff vergangener Tage entnommen zu sein, mindestens auch das kleine Uralt-Rhythmusgerät links auf dem Altar. Alle diese optischen Fetzen sind mehrdeutig, tiefsinnig bis flach, verlogen bis entlarvend, typische Accessoires des Stammtischsermons.
„Links und reich ist das Beste, was es gibt“, beginnt Reverend Rebers. Die „Altersarmut“ wird kurz gestreift sowie die Frauenrente mit 133 Euro. Seine Frau will mehr, das sei normal; denn „seit dem Sündenfall scharrt das Weib mit den Füßen“. Lasset uns singen: „Liebe unterm Hirschgeweih“. Das Vokabular des Selbst-Auserwählten, des „Blockwarts Gottes“ ist gewaltig und aggressiv logisch und gegen die Häretiker von außen gesetzt. Die großen Worte erfassen Mekka und Altötting gleichermaßen. Andreas Rebers erschreckt mit lächerlichem Führergestus, während er von Guttenberg reden lässt. In Bezug auf Berlin kommt Ulbricht zu Wort: „Niemand hat die Absicht einen Flughafen zu bauen“. „Gauck sitzt jetzt in der Wulff-Schanze“ – schon wieder knüpft Rebers Verbindungen.
Das Gotteswort des „macht Euch die Erde untertan“ ist männliche Legitimation für des Predigers Dachlatten- und Pumpgun-Pädagogik; „Blitzkrieg“ setzt weiteren Argumenten ein Ende. Die Mahnung des „versündigt Euch nicht!“ ist Auftakt für heftige Angriffe auf die aktuelle Nomenklatur der katholischen Kirche in Rom. Der brunftige Hirsch vor dem Altar ist Sinnbild für naive Stammtisch-Religion und Spießertum. Die großen Predigerworte sind Vorurteile zwischen Schlesien, Bio-Masse, Ikea und Nazi-Jargon.
Reverend Rebers Kontakt zur Frau Hammer (alleinerziehend, grün und alternativ) ist ein roter Faden durch das Abendprogramm beim Seesener Kulturforum. Die Frau endet unter einem Elektromobil und das zurückbleibende „Hammerkind“ Konrad wird Objekt einer Ethik-Erziehung durch Onkel Andi. Die Taufe zum Konrad („Konrad der Schacht, jetzt Auslaufmodell“) findet auf einem Truppenübungsplatz statt und ist Standortbestimmung gegen „feministische Heulsusenpädagogik“.
Die Horizontgrenzen der Welt sind vom Biowildlachs, von Tengelmann und Baumarkt gesteckt. Die „unterschlagenen“ Pfandbons für 1,39 Euro sind die wesentlichen Wertpapiere in der Gesellschaft und gefundenes Fressen für die Boulevard-Presse, da spielen verzockte Bankenmilliarden keine Rolle. Der Amoklauf findet bei Tengelmann statt. Der „Rettungsschirm“ wird im Struwwelpeter-Vergleich zum fliegenden Robert bildhaft in Luft und Wind aufgelöst. Immer wieder fordert Reverend Rebers auf: „Lasset uns singen“, so ein „Lied für Menschen, die am Rande sind“. Mensch Grönemeyer lässt grüßen. Es ist eine herrliche Parodie des Kabarettisten. Die großen Helden und Vorbilder findet der Prediger im Comic-Milieu. Disneys Panzerknacker-AG wird zur Metapher für organisierte Kriminalität, Donald Duck ist Alleinerzieher, Barack Obama ist Messias und „das Leben steckt in Tetrapacks“. Zum Schluss vermittelt sich die göttliche Botschaft sprachlich unter Schwierigkeiten, weil Moses an Schfrachschtörungen leidet. Doch die Botschaft der Liebe bleibt unverzerrter Schlusspunkt.
Das Rebersche Gesellschaftskaleidoskop ist an vielen Stellen bitterböse, der Humor ist geschwärzt und die Lieder sind schräg und bissig. Ab und an dringen durch die Ritzen dieser Wahnsinnswelt die Perspektiven auf die aktuellen Politiker, Manager und Kirchenvertreter durch. Rebers Kunst ist vorbildloses Kabarett, nirgends geklaut und deshalb einmaliges Erlebnis. Das Kulturforum-Publikum erklatscht Zugaben und am Ende des Kochduells heißt es: „Die Ente ist weiter!“