Gymnasialer Zweig an der Oberschule nötig?

Eine Umfrage unter den Eltern soll Klarheit schaffen: Wird an der Oberschule Seesen ein gymnasialer Zweig eingerichtet? Alle Eltern, deren Kinder die Grundschulen in Seesen und Lutter besuchen, sind aufgerufen, den von der Landesbehörde stammenden Fragebogen auszufüllen.

Oberschule versus Gymnasium: Stefan Bungert stelt zusätzliches Angebot in Seesen infrage

Es brodelt in der Seesener Schullandschaft. Im März dieses Jahres führt die Schulverwaltung beim Landkreis Goslar in allen Klassenstufen der Seesener Grundschulen und der Kurt-Klay-Schule in der Samtgemeinde Lutter eine Elternbefragung durch, um das Interesse der Elternschaft in den Grundschulen an einer eventuellen Einrichtung eines gymnasialen Zweiges an der neuen Oberschule Seesen in Erfahrung zu bringen.

Dieses Vorhaben hat jetzt Oberstudiendirektor Stefan Bungert, Leiter des Jacobon-Gymnasiums, auf den Plan gerufen, nachdem eine Interessengruppe von Erziehungsberechtigten aus der Stadt Seesen den Landkreis als Schulträger aufgefordert hatte, den Bedarf zur Errichtung eines gymnasialen Zweiges an der Oberschule Seesen zu vermitteln. Der Schulvorstand der Oberschule Seesen hatte sich bereits im November 2014 für die Erweiterung des Angebots ausgesprochen. Der jetzt vorgelegte Erhebungsbogen soll spätestens bis zum 20. März bei der Stadt Seesen oder direkt beim Landkreis Goslar abgegeben werden.

Jacobson-Gymnasium-Leiter Stefan Bungert spricht sich indes – und wie nicht anders zu erwarten – klar gegen die Einführung eines solchen Gymnasialzweiges an der Oberschule aus. Grundsätzlich sei die Umfrage zu begrüßen, um Aufschluss über die tatsächliche Interessenlage in der Elternschaft zu erhalten. Gleichwohl, kritisiert der Schulleiter des Gymnasiums, würden mögliche weitere Entscheidungen auch daraus nicht ohne Weiteres abzuleiten sein, weil sämtliche Angaben freiwillig und unverbindlich sind.

Umso wichtiger sei es, über die – im Vergleich zum breiten und vertiefenden Bildungsangebot des Gymnasiums – „eng begrenzten Möglichkeiten eines gymnasialen Zweiges an der Oberschule aufzuklären und auf mögliche Folgen einer Einrichtung für den Schulstandort Seesen hinzuweisen“.

Ein sogenannter gymnasialer Zweig der Oberschule sei laut Bungert weder in der Angebotsbreite noch im Anforderungsniveau mit dem Bildungsangebot eines Gymnasiums zu vergleichen. An einer Oberschule könne die „gymnasiale Förderung“ nur in einzelnen Fächern stattfinden. Insbesondere in den natur- und gesellschaftswissenschaftlichen Fächern, die neben den Sprachen in der Oberstufe profilbildend sind, würden in einer Oberschule kaum gymnasiale Arbeitsweisen erprobt und eingeübt. Trotzdem müssten Oberschüler im Gymnasialzweig, die nicht versetzt werden, wie Gymnasiasten in den Realschulzweig wechseln, wenn sie die Klassenstufe nicht wiederholen wollen.

Zudem, so bemängelt Bungert weiter, würden sich keine grundsätzlich neuen Möglichkeiten am Schulstandort Seesen eröffnen. Da die Oberschule in jedem Falle mit der zehnten Klasse endet, weil sie keine eigene Oberstufe führen kann, müssen ihre Schüler zum Besuch einer gymnasialen Oberstufe und dem Erreichen einer Studierbefähigung auch künftig die Schule wechseln. Ein Wechsel nach Klasse 10 zum Jacobson-Gymnasium ist auch heute schon unter bestimmten Bedingungen ebenso möglich wie ein Wechsel auf dem Weg von Klasse 5 bis Klasse 10. Die sogenenannte vertikale Durchlässigkeit sei also bereits jetzt gewährleistet und werde laut Bungert auch erfolgreich praktiziert.

Da die Schülerzahlen im Einzugsbereich der Seesener Schulen aufgrund der demografischen Entwicklung in den nächsten Jahren weiter zurückgehen, seien Folgen für die Arbeit des Jacobson-Gymnasiums nicht auszuschließen.
Eine insgesamt geringere Schülerzahl am Gymnasium hätte letztlich auch negative Auswirkungen auf das Profilangebot in der Oberstufe, so Bungert. Dabei erscheine die Behauptung, aus einem Gymnasialzweig heraus würden sich mehr Oberschüler als bisher für die Oberstufe des Jacobson-Gymnasiums anmelden, aus verschiedenen Gründen fragwürdig.

Im Übrigen stünden den immer wieder angeführten 60 Oberschülern mit Gymnasialempfehlung eine ähnlich große Zahl von Schülern mit einer Realschulempfehlung am Jacobson-Gymnasium gegenüber, die laut Bungert „bei uns schon jetzt erfolgreich mitarbeiten“. Mit der nun erfolgenden Wiedereinführung einer längeren Schulzeit bis zum Abitur sei darüber hinaus zu erwarten, dass es künftig leichter sein werde, bei entsprechender Unterstützung auch längere lernschwache Phasen am Gymnasium erfolgreich zu überstehen.
Bungert abschließend: „Bei aller berechtigter Sorge von Eltern um
die bestmögliche Förderung ihrer Kinder, wäre eine gezielte Kooperation der Schulen zur Vorbereitung des Übergangs von der Klasse 10 in die gymnasiale Oberstufe vor Ort der bessere Weg gegenüber einem Gymnasialzweig an der Oberschule, um die bestehende Angebotsvielfalt zu erhalten und den Schulstandort Seesen insgesamt zu stärken.“
Die Ermittlung des Bedarfs erfolgt jetzt erst einmal anhand eines Fragebogens, den jedes Kind der Klassen 1 bis 4 aller Grundschulen in der Stadt Seesen und der Samtgemeinde Lutter erhält. Diesem Fragebogen ist auch ein weiteres Informationsblatt beigefügt, das bei der Entscheidung behilflich sein soll.

Übrigens: Zum Thema Gymnasialzweig an der Oberschule findet eine Informationsveranstaltung statt, an der alle Interessierten ohne Voranmeldung teilnehmen können. Als Referenten werden Vertretungen der Oberschule Seesen und des Jacobson-Gymnasiums Seesen zur Verfügung stehen. Die Veranstaltung findet am Dienstag, 10. März, um 19 Uhr in der Aula im Schulzentrum, statt.