Hilfe aus Seesen macht Träume wahr

Offener Brief aus Rauna – Menschen in der Partnergemeinde sagen Danke

Man begreift sich als Musterschüler bei der Staatssanierung; schlüpft nur allzu gern in eine Vorreiterrolle; will anderen Ländern zeigen, wie es gemacht wird – seit Wochen schon feiert sich das offizielle Lettland selbst und sucht seine zwischenzeitlich nur noch etwas mehr als zwei Millionen Bürger auf die Einführung des Euro einzustimmen.

In wenigen Tagen schon soll die bisherige Währung, der lettische Lat – ein Euro entspricht derzeit 0,703 Lat – durch die europäische Gemeinschaftswährung abgelöst werden. Vorläufiger Abschluss unter eine „Rosskur“, die so radikal und auch so schnell durchgeführt wurde, wie vielleicht in keinem anderen europäischen Land.

Armut weiter auf hohem Niveau

Sicher ist: Die weltweite Finanzkrise hatte die kleine Balten-Republik besonders hart getroffen. Armut, Arbeitslosigkeit und die demografische Entwicklung erreichten im Jahre 2009 negative Rekordwerte, zwangen den Staat, mit einschneidenden Maßnahmen auf den dräuenden Bankrott zu reagieren. So unter anderem mit einem drastischen Stellenabbau, Rentenkürzungen und spürbaren Abstrichen bei den Löhnen, Gehältern sowie anderen Leistungen. Inzwischen weist Lettland zwar die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft in der EU mit einer Steigerungsrate von 5,6 Prozent im Jahr 2012 auf, doch die enormen ökonomischen und sozialen Herausforderungen sind noch lange nicht gemeistert. Waren vor drei Jahren 38,1 Prozent der Bevölkerung von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, so verringerte sich deren Anteil um nur 1,5 Prozent auf 36,6 Prozent im vergangenen Jahr. Hinzu kommt, dass jährlich rund 30.000 Letten ihre Heimat verlassen.
„Immer mehr und vor allem junge Menschen zieht es entweder in die Metropole Riga, in die größeren Städte des Landes, oder aber in die nördlichen Anrainerstaaten“. Mit Sorge beobachtet auch die Vorsitzende der „Stiftung der evangelisch-lutherischen Gemeine Rauna – Diakonisches Zentrum“, Anita Lubuze, die Folgen dieser Entwicklung, denn: „Zurück bleiben die Älteren und Alten, die Kranken, die Alleinerziehenden sowie die kinderreichen Familien. Und damit die allgegenwärtigen Probleme, die Not und nicht selten das Leid“.
Anita Lubuze weiß natürlich sehr genau, dass es eines langen Atems bedürfen wird, um die Situation der Bewohner in Rauna und in den kleinen Siedlungen und Ortschaften rings um die lettische Partnergemeinde nachhaltig zu verbessern; sie weiß aber auch, dass in den vergangenen Jahren bereits viel erreicht wurde, um „unseren trüben Alltag heller zu machen“.
Genau dieses Wissen nun dürfte denn auch der unmittelbare Anlass für sie und das Stiftungsrats-Mitglied Evija Zurge gewesen sein, sich in diesen Tagen des Advent mit einem „Offenen Brief“ an die „Kirchliche Lettlandhilfe“ sowie an die Bürgerinnen und Bürger im Raum Seesen zu wenden, die – wie auch in den vergangenen Monaten wieder – seit nunmehr zwei Jahrzehnten ihre Verbundenheit mit den Menschen in Rauna unter Beweis stellen. Sei es durch die Organisation und Realisierung internationaler Aufbaulager sowie humanitärer Hilfstransporte; sei es durch Geld- und Sachspenden, die diese Hilfe erst ermöglichen.
„Vor allem diesem vielfältigen Engagement“ – so macht Anita Lubuze deutlich –„ ist es zu verdanken, dass unsere diakonische Arbeit so erfolgreich ist, und dass sie weiterhin ausgebaut werden kann“.

Ein kleiner Laden schafft Großes

Dabei komme dem kleinen Ladengeschäft „Cilveks cilvekam“ (Vom Menschen zum Menschen) nach ihren Worten eine ganz besondere Bedeutung zu. Von den „Erlösen“, die hier erwirtschaftet werden, und die sich aus einer Vielzahl kleiner und kleinster Beträge rekrutieren, könnten nämlich Maßnahmen und Ideen verwirklicht werden, für die ansonsten das Geld fehlen würde. Als nur ein Beispiel dafür nannte sie die im Gemeindehaus eingerichtete Altenbegegnungsstätte „Zelsirdiba“ (Barmherzigkeit). Und gerade jetzt erst hätten sich der Kirchenvorstand und der Stiftungsrat darauf verständigt, einigen Bürgern und kinderreichen Familien, die zu Beginn des Winters vor schier unlösbaren wirtschaftlichen und sozialen Problemen stehen, noch vor Weihnachten finanziell unter die Arme greifen. Wie für Anita Lubuze, so steht dabei auch für Evija Zurge unverrückbar fest: „Ohne unsere Freunde aus Seesen würden wir das nicht schaffen“.
Sie erinnert in ihrem „Offenen Brief“ an die beiden jüngsten Hilfstransporte, die im Oktober auf den Weg in die lettische Partnergemeinde gebracht wurden. Sie hätten den „Cilveks cilvekam“-Mitarbeiterinnen in den darauf folgenden Tagen und Wochen auf der einen Seite zwar sehr viel Arbeit, auf der anderen Seite aber auch einen unerwartet hohen „Umsatz“ beschert – Mittel, die in die diakonische Arbeit eingebracht werden können.
Doch es ist nicht nur das Geld, das eine Rolle spielt. „Wenn man sieht, wie sehr sich die Menschen freuen, wenn für sie gegen einen nur geringen Obolus lang gehegte Wünsche wahr werden, und sie sich den einen oder anderen Traum erfüllen können, dann vermag man den hohen Stellenwert der Hilfe aus Seesen erst richtig einzuschätzen“, betont Anita Lubuze, und sie schreibt namens der Stiftung „REDL diakonijas centrs“ weiter: „In diesen Tagen und Wochen vor dem Weihnachtsfest denken wir immer häufiger an die wahren Werte, die uns Kraft geben. Kraft und Zuversicht, die wir hier in Rauna nicht zuletzt aus dem Wissen schöpfen, dass sehr weit weg, in einem ganz anderen Land, Menschen mit einem großzügigen Herzen leben. Möge in Euren Seelen und in den Familien Friede, Freude und Liebe herrschen“.
Besinnliche Worte des Dankes aus Rauna; Worte, denen sich der 1. Vorsitzende der „Kirchlichen Lettlandhilfe“, Pastor i.R. Kurt Hoppe, gern anschließt. Sein Dank gilt den Mitgliedern der „Lettlandhilfe“ für die Einsätze im Rahmen der humanitären Hilfstransporte; er gilt in besonderem Maße jedoch der Bereitschaft der Bürger aus der Harzstadt und den umliegenden Städten und Gemeinden, die sich seit vielen Jahren schon mit ihren Sach-und Geldspenden uneigennützig in den Dienst am Nächsten stellen.