Hinter allen Zahlen auch die Schicksale erkennen

 

Volkstrauertag in Seesen: Gedenkfeier, Kranzniederlegung und mahnende Worte Rolf Ballofs am Ehrenmal

Die Gedenkfeier am Ehrenmal anlässlich des Volkstrauertages stand am Sonntag nicht nur im Zeichen der Erinnerung, sondern auch im Zeichen der Mahnung. Rolf Ballof, der als Repräsentant des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge die Ansprache hielt, wies anfangs seiner Rede darauf hin, dass bei Meldungen von Katastrophen und Unglücken die Tragödien mit Zahlen begreifbar gemacht werden sollen; die Geschichte spreche vom Unglück der Menschen in Zahlen. Die Einzelschicksale aber verschwinden hinter den Zahlen; die Anschauung verflüchtigt sich in Zahlen; die Tragödien würden zur Statistik.


Von Ulrich Kiehne

Seesen. Wie in allen deutschen Städten und vielen Gemeinden, versammelten sich am gestrigen Sonntag auch in der Kernstadt Seesen die Vertreter der Stadt sowie die Abordnungen zahlreicher Vereine, Verbände und Organisationen am Ehrenmal, um den diesjährigen Volkstrauertag in einem würdigen Rahmen zu begehen.
Sie gedachten dabei aber nicht nur der im Krieg gefallenen Soldaten, sondern aller Opfer von Gewaltherrschaft und Terror. Sie erinnerten sich auch der Frauen, Männer und Kinder, deren Leben gewaltsam beendet wurde. Begonnen wurde der Volkstrauertag 2010 übrigens im evangelischen Kirchenzentrum mit einem Treffen der Teilnehmer an der Gedenkfeier, dem sich ein Gottesdienst mit einer Predigt von Propst Gleicher in der St.-Andreas-Kirche anschloss.
Für den musikalischen Auf­takt der Gedenkfeier am Ehrenmal zeichnete das „Volkstümliche Blasor­chester“ unter der Leitung von Ulrich Finster verantwortlich.Nach der Totenehrung durch Seesens Bürgermeister Hubert Jahns und einem weiteren Choral machte Rolf Ballof, der die zentrale Gedenkansprache hielt im Rahmen seiner Ausführungen deutlich, dass sich Gedenkreden zu verschiedensten Anlässen aufzeigten, in welch großem Umfang die Redner Statistiken bemühen, um Dimensionen des Grauens gewaltsamen Todes zu beschreiben.
Ballof machte einen aktuellen Anlass zum Thema:„In diesen Tagen ist das Totenbuch des Jacobson-Gymnasiums vorgestellt worden. Wir haben versucht, hinter der Zahl von 260 ehemaligen Schülerinnen und Schülern die getöteten Menschen zu sehen, wir haben den Ermordeten zunächst ihren Namen zurückgegeben. Nichts anderes hat die Stadt Seesen nach dem ersten Weltkrieg mit den Namenstafeln, die im Inneren des Mahnmals angebracht sind, getan. Unsere Vorfahren haben den Gefallenen ihre Namen zurückgegeben und sie nicht einfach hinter einer Zahl versteckt. Die Kirchengemeinde St. Vitus und St. Andreas bewahrt die Namen der Gefallenen des ZweitenWeltkrieges in einem besonderen Buch auf.“
Mit der Nennung von Namen sei ein erster Schritt getan, die Menschen aus der Anonymität, der Namenlosigkeit und der Nummerierung herauszuholen.“ Damit, so Ballof achte man ihre Individualität, gebe ihnen ihre Würde und könne man konkret trauern. Zahlen können erschüttern, aber man kann nicht in Zahlen trauern.
Trauer müsse konkret sein: Ihn selbst habe eine Notiz in der Zeitung sehr berührt, wo eine Großmutter ihrem Enkel, der in Afghanistan stationiert ist, schreibt: „Lieber Johannes, meinen ersten Feldpostbrief schrieb ich 1943, da war ich in der 7. Klasse. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, das jetzt noch einmal zu tun.“
Der Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge habe es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur die Namen und die Begräbnisorte der Gefallenen und Ermordeten herauszufinden, sondern ihnen auch die Würde eines Grabes zu geben. Viele, wenn nicht die meisten hätten nicht einmal ein Grab, sie leben in der Erinnerung ihrer Angehörigen und Freunde.
„Heute, in dieser Stunde gehen unsere Gedanken in die Vergangenheit, wir sehen unermessliches Leid und vielfachen Tod – mit diesem Bewusstsein schauen wir auf die Gegenwart und sehen dankbar Erfolge der Politik für den Frieden in Europa – richten wir unseren Blick auf die Welt jenseits unserer Grenzen, dann sehen wir die Kämpfe in Afghanistan und im Irak, die Unterdrückungen von Menschen in diktatorischen Systemen, Hinrichtungen, nicht nur im Iran, sondern auch in China nicht zuletzt in des USA und die vielen Vertreibungen überall in der Welt,“ befand Ballof. Mit dem Bewusstsein der Vergangenheit müssten die Menschen eintreten für ein friedliches Miteinander der Menschen auf der Welt; der wirtschaftlichen Globalisierung müsse die menschenrechtliche Globalisierung folgen.
Menschenrechtliche Globalisierung bedeute nicht mehr nur Versöhnung der Nationen, sondern Überwindung der Grenzen, die den Frieden gefährden können. Globalisierung, so Ballof abschließend, müsse mit Zahlen arbeiten. „Wir haben heute versucht, hinter den Zahlen persönliche Tragödien zu sehen, deretwegen wir trauern können. Sehen wir hinter der großen Zahl derer, deren Leben in unserer heutigen Welt gefährdet ist, und treten wir überall und jeder Zeit für ihr menschenwürdiges Leben ein.“