Hochzeitsfeiern im Funktionärsbunker

Pastor i. R. Kurt Hoppe (rechts) von der Kirchlichen Lettlandhilfe Seesen nimmt hier einen archäologischen Gruß vom Bürgermeis­ter entgegen.
 
Eine Stadtführung in Riga durfte nicht fehlen – hier ein Blick auf das Schwarzhäupterhaus.

Kirchliche Lettlandhilfe Seesen veranstaltet achttägige Studienreise – Teil III

Auch wenn viele Reiseveranstalter in den letzten Jahren zunehmend Baltikumsreisen anbieten, beschränken sich diese meistens auf die Hauptstädte Vilnius, Riga und Tallin. Das eigentliche Land – die Landschaft und die Menschen – bleiben den Reisenden dabei weitgehend unbekannt. Die Kirchliche Lettlandhilfe Seesen e. V. – vielen Seesenern durch diverse Hilfsmaßnahmen seit 20 Jahren zumindest theoretisch bekannt – veranstaltete nun eine achttägige Studienreise anderer Art. Mit dabei auch Renate Hoppe. Hier der dritte und letzte Teil ihres Berichts.

Es gab noch viele interessante andere Unternehmungen, die hier nicht alle aufgeführt werden sollen. Unvergessen – und das nicht unbedingt in positiver Hinsicht – war jedoch der Besuch eines ehemaligen Funktionärsbunkers, getarnt durch ein darüber gebautes Krankenhaus. Hunderte von Zimmern unter der Erde, eine riesige elektronische Bespitzelungsanlage, aber auch Kantine, Musik- und Leseraum sowie zwei gewaltige Generatoren sollten im Falle eines Atomangriffs einer bestimmten Führungselite das Überleben sichern. Aber die Tatsache, dass dieser Bunker nur Männern vorbehalten war – Frauen und Kinder also keinen Zutritt hatten – ließ bei uns doch eine Gänsehaut aufkommen, was durch den Rundgang durch die Betongänge mit der düsteren Atmosphäre noch verstärkt wurde. Drei Monate hätte diese Elite dort unten überleben können. Ob man davon ausging, das nach dieser Zeit oben alles wieder in Ordnung sei? Obendrein sehr makaber – unsere lettische Dolmetscherin tat sich schwer, das überhaupt zu übersetzen – die Tatsache, das man heute diese Räume für Festlichkeiten mieten kann, und auch schon Hochzeiten dort gefeiert wurden. Dieses schockierende Erlebnis hat uns noch lange in Gesprächen beschäftigt.
Krönender Abschluss unserer Reise war sicherlich das Kirchweihfest aus Anlass des 750-jährigen Bestehens der Kirche in Rauna. Am Vorabend gab es ein wunderschönes Konzert in der Kirche mit einem hochkarätigen Quintett und einer Sopranistin. Der Gottesdienst am Sonntag fand unter Mitwirkung des lettischen Erzbischofs Janis Vanags statt, der die Predigt hielt. Gottesdienst und an­schlie­ßende Grußworte zogen sich über fast drei Stunden hin, für uns nicht ganz einfach auszuhalten, weil wir kein Wort verstanden. Eine Ausnahme waren die Grußworte von Kurt Hoppe, der seitens der Kirchlichen Lettlandhilfe Seesen zwei neue Silberleuchter für den Altar überreichte. Danach gab es auf dem Kirchengelände bei herrlichem Sonnenschein Suppe aus einem riesigen Topf auf dem Feuer, aber auch Kaffee und Kuchen, und noch einmal viel Zeit, mit dem einen oder anderen zu reden.
Lettland – ein unbekanntes Land? Wir haben viel von diesem schönen Land gesehen, Menschen getroffen, Gespräche geführt. Überall wurden wir freundlich aufgenommen, haben etwas über das Leben und die Identität dieses Volkes erfahren. Ein Land, in dem es keine Denkmäler zu Ehren großer Könige oder tapferer Feldherren gibt; ein Land, in dem Denkmäler und Büsten ausschließlich Vertretern geistiger und schöner Künste vorbehalten sind. Wir haben diese Ruhe und Kraft ausstrahlende Landschaft lieben gelernt, die Wiesen mit den vielen Störchen, Buschwerk, Wälder, kleine Seen – hin und wieder ein Gehöft oder eine kleine Ansiedlung mit prall zur Ernte drängenden Gemüsegärten und eine riesige Blumenvielfalt die uns auf jedem nur bepflanzbaren Fleckchen in Stadt und Land entgegenleuchtete. Blumen, Musik und eine tiefe Verbundenheit mit der Natur – so könnte man vielleicht die lettische Seele beschreiben.
Der Abschied fiel uns schwer. Der Abschied vom Land, aber auch von Rauna, das mit Seesen nun schon über so viele Jahre verbunden ist. Immer wieder schlug uns die große Dankbarkeit der Menschen aus Rauna entgegen, und natürlich bekamen wir viele Grüße an die Seesener mit auf den Weg. Diese Grüße wollen wir mit diesem Bericht gern weitergeben.