Hoffentlich dauert es nicht wieder zehn Jahre

Bruno Jonas brillierte beim Kulturforum Seesen. (Foto: Mateo)
 
Der Kabaerttist hinterließ in Seesen ein hocherfreutes Publikum. (Foto: Mateo)

Bruno Jonas ist wieder zu Gast beim Seesener Kulturforum / Dem Publikum satirische Kompetenz bescheinigt

Und es geht weiter“ – so heißt das aktuelle Programm des Kabarettisten Bruno Jonas beim Seesener Kulturforum. Auch die Zeit ist weiter gegangen. Vor fast zehn Jahren war er zuletzt in Seesen. „wortreich“ steht auf seinen seifenblasendekorierten Kulissen-Fahnen geschrieben, die im theatralischen Studiohintergrund den Raum für eine „Talkshow mit Valeska Wortreich“ rahmen.
„Wer sind’n ´Sie?“ wendet sich der Talkgast Jonas alias Hubert Unwirsch an das Publikum. „Waren Sie schon alle in der Maske? – Sie sind hier Publikumsdarsteller!“ Ein in-szenierter Talk ist die geniale Idee für das folgende Kabarett-Theater. Thema: Korruption. Namen werden nicht direkt genannt, aber „der Italiener, der gerade zurückgetreten ist“ und „der Franzose, der ist auch nicht der Größte!“ … Man weiß, wer gemeint ist, wir sind eingeweiht. Neue Identitäten sollen alte Probleme lösen: Wie wäre es mit einem Friedemann Bedürftig, mit Doktor- und Adelstitel?
Die Orientierungslosigkeit der modernen Politiker führt Jonas hin zu den Irrfahrten des Odysseus, womit wir schon bei Griechenland wären. Weit Zurückliegendes, Historie und die Bibel, werden immer wieder bemüht, um Taten und Tätern Sinn zu geben. Der Begriff „korrupt“ sei früher positiv besetzt gewesen. Priester und Metzger hätten im alten Testament Doppelfunktion, ehe das neue zu einer Opfer-Reform führe. Korruption als „Form der Nächstenliebe“. Jonas/Unwirsch stellt die Frage: „Wie hoch ist der Preis für den Menschen, der nicht käuflich ist?“
Das Inszenario Talkshow erfülle die frühere Funktion einer Abendandacht, besetzt nach den Prinzipien der Commedia dell´arte, mit Rösler als Honigbär („wie ein sediertes Oachkatzl“), mit Gysi als Buffo und dem Komikerduo Angela und Sarkozy. Jonas differenziert zwischen Blödheit und Dummheit und sieht dort kognitive Dissonanzen. Neu und aktuell im Spektrum des Kabarettisten sind die „Piraten“ als Volksvertreter der Ahnungslosen im Parlament.
Man hat den Eindruck, der zehn Jahre ältere Bruno Jonas ist noch schneller im Reden geworden, als er früher schon war, aber er verhaspelt sich auch mal, schweift ab, indem er mit dem Publikum über Knödl oder Klöße diskutiert: hier wird sein Standpunkt (st)urbayrisch! Er verdirbt die Pointe beim Witz um „gefillten Fisch“ und Schweinsbraten. Der rote Faden wird zurückgewonnen. Wortwitz und Kabarett dominieren, die bayrischen Sprachanteile ironisieren und landen manchmal in Comedian-Sphären, ehe sie, am Münchner Urviech Karl Valentin kratzend, geadelt werden. Die Geschichtsbilder, die Jonas entblättert, überzeugen und sind tröstlich: Karl der Große wie auch Ratzinger erkämpfen das Recht auf Schweinebraten; die Wiener („I glaub i spinn, de Türkn san do!“) haben schon zweimal solche Belagerungen überlebt, „die Türken probiern es jetzt über Berlin“. Jonas schafft es, einen Bogen vom Augsburger Religionsfrieden (1555) bis hin zu Edi dem Stammler zu schlagen; die bayrischen Gipfelkreuze werden durch Gipfelminarette ergänzt. …
Die Telefonate des korrupten Herrn Unwirsch mit seiner Verflossenen und mit seiner Richterin verlaufen unbefriedigend, Integration mit Geld und neuer Identität ist nicht möglich, die Absatzbewegung nach Südamerika folgerichtig. Das Ende einer Beziehung ist da. „Die Verhandlung ist beendet“, die Talk Show kann nicht stattfinden, weil die Moderatorin Geld genommen hat!
Das Publikum beim Seesener Kulturforum bedankt sich mit viel Applaus, Jonas bescheinigt ihm „satirische Kompetenz“ und hoffentlich müssen die Seesener nicht wieder zehn Jahre auf einen erneuten Auftritt des Passauer Bayern warten. Joachim Frassl