„Holland lässt keine Nazis bei sich reden”

Mathias Richling begeisterte das Seesener Publikum. (Foto: Gebauer)

Mathias Richling beim „Seesener Kulturforum“

„Richling spielt Richling 2017“ – so heißt das Programm des schwäbischen Kabarettisten Mathias Richling auf der Bühne des Seesener Kulturforums. Wie soll das gehen? Richling spielt immer! Wie soll er einen spielenden Richling spielen? Ohne philosophisch spitzfindig zu werden heißt das ganz schlicht: Richling bringt alle seine Politpuppen, egal ob aktuell oder längst vergangen, fast vergessen oder schon tot parodistisch zu Wort. Die Spotlights auf Merkel, Trump und Erdogan, aber auch auf Kohl und Rau.
Richlings Prolog „vor dem Theater“ findet auf gläsernem Stuhl vor dem geschlossenen Vorhang statt. Es geht argumentativ um „Nichts“, das morgen gespielt wird, ein Nichts für drei Personen. „Wir spielen nichts!“ Dass beim Nichts Fotografierverbot, auch für die Presse, gilt, ist man bei Richling hinlänglich gewohnt. Trotzdem bleibt die bunt-gestellte Bühne dahinter in Erinnerung, wie auch die Körpersprache des Kabarettisten.
Vor knapp zwei Jahren war der Kabarettist zuletzt in Seesen zu Gast; damals stand die Bühne voll von schwarzen, gelben und roten Koffern … Aktuell ist es ein Stuhlensemble in Rot, Gold und Schwarz, das deutlich die deutschen Flaggenfarben durchdringen lässt. Eineinhalb Stunden lang sind sie von ihm besessen, verschoben oder zugeordnet. Richlings Programm ist pausenlos. Pausenlos, um den „roten Faden“ nicht zu kappen? Faden, nein; aber farbiges Kaleidoskop, das Freude macht.
„Rede ich eigentlich zu schnell? – Man muss heute Abend nicht alles verstehen!“ Originalton Richling. Das beruhigt zwar den Rezensenten, meint aber mehr: nicht nur die Geschwindigkeit des Redeflusses, sondern auch die eingeschränkte Nachvollziehbarkeit der schwäbischen Gedankensprünge. Richling ist ein polternder Unruhegeist, hektisch hin und her bewegt im Getriebensein eines altphilosophischen Peripatetikers, dabei Kobold und hechelndes Rumpelstilzchen auf der Bühne. Das sind die Facetten seines künstlerischen Markenzeichens.
Richling setzt die aktuellen Spot(t)lights: „Holland lässt keine Nazis bei sich reden.“ Merkels Zurückhaltung kommentiert er: „Will sie aufgenommen werden in den Harem von Erdogan?“ Böhmermanns Begriffsattacken treffen nur auf „Platonisches“. „Charly Hebdo“ und Mohammed-Karikaturen sind kurz Thema: „Tut mir Leid, wir konnten die Frauen im Saal nicht verschleiern. – Es geht überhaupt nicht nur um religiöse Gefühle. Für mich sind auch die weltlichen Gefühle“ von Gewicht. Und noch einmal: „Wieviel Weltlichkeit brauchen wir für ein Zusammengehörigkeitsgefühl?“
In Sprachduktus und Ton kommen in der Folge zu Wort: de Maizière, die „Küstenbarbie“ Schwesig, Kohls politischer Wortschatz, Lauterbach, Nahles, Blüm, Schäuble … etc. Natürlich dürfen auch Richlings Parade-Parodien an der Gestalt Edmund Stoibers nicht fehlen.
Dem Schwaben liegen natürlich Öttinger und Kretschmann sprachlich nahe. Ein Höhepunkt ist schließlich die traumhafte Sitzung Angela Merkels bei Psycho-Altmeister Siegmund Freud. Mit Seitenblick auf den am Freitagabend parallel stattfindenden Zapfenstreich für den scheidenden Bundespräsidenten gibt Richling fast allen seinen sämtlichen Vorläufern das Wort.
Nach genau eineinhalb Stunden hat der Kabarettist Feierabend. Aber da sind natürlich noch die Zugaben, die frenetisch vom Publikum gefordert werden. Da gibt er dann die in das Jahr 2067 projizierte Regierungserklärung Angela Merkels ab, ehe Richling zum allerletzten Schluss als Epilog vor dem Vorhang märchenhafte Verwirrungen um Dornröschen herrlich verhaspelt.