Holleri du dödl di, diri diri dudl dö

Das Jodeldiplom und das zweite Futur bei Sonnenaufgang gehören zu Loriots Meisterwerken. Das Westfälische Landestheater überzeugte nicht nur an dieser Stelle.

Loriots Gesammelte Werke – witzig gespielt zum Theaterauftakt in Seesen

Gelungener Auftakt in die Theatersaison 2013/14, aber was soll man eigentlich noch sagen oder schreiben über Vicco von Bülow alias Loriot? Seine Sketche und Dialoge sind Klassiker, Evergreens ohne jegliches Verfallsdatum.

Die Herren Müller-Lüdenscheid und Dr. Klöbner mit der Ente im Bad, das weichgekochte Frühstücksei, für das in der Küche 4 ½ Minuten geschuftet werden muss, der Lottogewinner, dessen Tochter in Wuppertal mit dem Papst eine Herrenboutique eröffnen wird. Der Mann, der zum Feierabend einfach nur da sitzen will und auf keinen Fall schreit.
Sie alle gehören zu den großen Errungenschaften der deutschen Literatur im 20. Jahrhundert. Die Sketche und Dialoge von Loriot beschreiben mit großer Feinsinnigkeit und einem unvergleichlich liebevollen Humor unser alltägliches Miteinander. Auf der Bühne entwickeln sie ihre ganze Brillanz.
Wer die Sktechte heute auf die Bühne bringen will, hat zwar erstklassige Dialoge, muss aber gegen das Original bestehen und sich mit Darstellern wie Loriot selbst und Evelyn Hamann messen. Am Westfälischen Landestheater ist davon wenig zu spüren. Regisseur Gert Becker und sein Ensemble spielen „Loriots Gesammelte Werke“ mit einer Leichtigkeit, die nicht selbstverständlich ist.
Die Mini-Dramen, die am Dienstagabend zum Auftakt der Seesener Theatersaison in der Aula am Schulzentrum zu sehen waren, kennt man: Haarspalterei zwischen Mann und Frau („Was machst Du?“ – „Ich mache nichts.“), verunglückte Etikette („Sie wollten doch die Hälfte vom Kosakenzipfel!“), das Jodel-Diplom als Hohn der Emanzipation, eine Politesse, die sich im Gestrüpp des Paragrafen-Deutsch verrennt.
Das Theater spielt auch Cartoons aus Loriots Feder. „Ihr Hund kann ja gar nicht sprechen!“ Bülent Özdil mimt unter Woll-Ohren den talentfreien Vierbeiner: „Hou-hou-houhou!“
Oder Klöbner und Müller-Lüdenscheid, die mit Badekappe in der Wanne hocken („Die Ente bleibt draußen!“). Das clevere Bühnenbild mit Drehelement ermöglicht Umbauten in Windeseile, ruckzuck stehen die Darsteller im neuen Kostüm da. Ihre Klamotten (Ausstattung: Elke König) atmen den Muff der 70er Jahre, den Loriot so treffend aufs Korn nahm.
Herr und Frau Biedermann, pardon, Blöhmann beim Eheberater. Der Gatte küsst den Dummy. Ein noch verklemmterer Herr Direktor (Burghard Braun) nähert sich der Sekretärin (Vesna Buljevic). „Ich bin doch bloß ein Abenteuer für Sie!“ Linkische Begierde trifft auf schön inszenierte Slapstick-Komik. Hier wird klar, dass Loriot ein Erbe der Stummfilm-Groteske ist. Wortlos ringt Guido Thurk mit der Tücke des Objekts, dem Faden einer Roulade.
Erwin Lindemann und die zungenbrecherische Ansage der britischen TV-Serie (Julia Gutjahr im Guckkasten) leben vom Text, während das Jodel-Diplom eine echte Sitcom ist.
Großes Lob an alle Beteiligten: Ein witziger, kurzweiliger Abend.