„Ich wollte nicht sterben, ohne gelebt zu haben!“

Sally Perel und Schulleiter Stefan Bungert am Synagogenmahnmal.
 
Begrüßung und Vorstellung Perels durch Annegret Tuchtfeld.

Zeitzeugengespräch mit Sally Perel („Hitlerjunge Salomon“) im Schulzentrum Seesen

Shalom, Salam, Friede“ so begrüßte „Sally“ (Salomon) Perel die Schüler des Jacobson-Gymnasiums und der Oberschule Seesen.

Auf Einladung der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und der Rudolf-von-Bennigsen-Stiftung erzählte er in der vergangenen Woche Schülerinnen und Schülern beider Schulen im Schulzentrum Seesen auf bewegende Art seine einzigartige Überlebensgeschichte unter der Nazi-Diktatur.
Als Sohn eines Rabbiners wird Salomon Perel 1925 in Peine geboren. Mit Verkündigung der Nürnberger Gesetze im Jahre 1935 wird er der Schule verwiesen, die Familie emigriert in das benachbarte, zunächst noch freie Polen nach Lodz. Als die deutschen Truppen 1939 in Polen einmarschieren, droht allen Juden das Ghetto und Schlimmeres. Die Eltern schicken Salomon und den älteren Bruder Isaak daraufhin nach Russland. Salomon kommt in ein Waisenhaus in Grodno, Isaak reist weiter ins baltische Wilna.
Es folgt „Sallys“ Episode als Hilterjunge. Bei den Angriffen der Wehrmacht 1941 hält er sich in einem Dorf vor Minsk auf, wo ein Erschießungskommando die Bevölkerung in lange Reihen sortiert. Geistesgegenwärtig vergräbt der damals 16-Jährige heimlich seine Papiere und behauptet mit fester Stimme: „Ich bin doch kein Jude, ich bin Volksdeutscher.“ Spontan befolgt er damit den Wunsch seiner Mutter beim Abschied: „Geh, du sollst leben.“
Man glaubt ihm und er wird als Maskottchen und russischer Übersetzer namens Joseph Perjel mit dem Spitznamen „Jupp“ von der 12. Panzerdivision geliebt, später sogar vom kinderlosen Kompaniechef adoptiert. Vier Jahre lang lebt er als Hitlerjunge, der in prächtiger Uniform mit Hakenkreuz „Heil Hitler“ und „Sieg Heil“ schreit, während „meine jüdischen Glaubensbrüder zu Tausenden vergast werden, darunter eineinhalb Millionen Kinder. Einfach zu Asche gemacht. – Für keinen Zweck auf der Welt sollte ein junges Leben ausgelöscht werden.”
In einem Teil von sich, so erzählt Sally Perel den gebannt zuhörenden Schülern, habe er die menschenverachtende Nazi-Ideologie verinnerlicht und begonnen, sich als Jude, dem der Vater eingeimpft hatte, er möge nie vergessen, wer er ist, selbst zu hassen. Zugleich habe er beständige Angst empfunden, aufgrund seiner Beschneidung entdeckt und getötet zu werden. „Vier Jahre lebte ich in Angst, es waren vier Ewigkeiten, aber ich wollte nicht sterben, ohne gelebt zu haben. Die Grenze, jemanden zu erschießen, überschritt ich dabei jedoch nie”, betont er heute. Seine Spaltung der Seele hingegen habe die Zeiten überdauert, „noch heute leben Jude und Nazi in meinem Körper, es entstand ein nicht wiedergutzumachender Schaden“.
Nach Kriegsende wird Sally Perel im letzten Einsatz als Hitlerjunge in Braunschweig von Amerikanern gefangen genommen und wieder frei gelassen. 1948 emigriert er nach Israel.
Mit erstaunlicher Ruhe und Abgeklärtheit erzählt der 91-Jährige seine bewegende Geschichte und zieht dabei seine Zuhörer so sehr in seinen Bann, dass man eine Stecknadel hätten fallen hören können.
Dass eine solche Wirkung die heutige Schülergeneration erreicht, ist Schulleiter Stefan Bungert wichtig, der die Gelegenheit nutzte, um mit Sally Perel am Synagogenmahnmal der Schule einen Augenblick innezuhalten: „Der Mensch vergisst zu schnell und zu leicht und gerade wir als Jacobson-Gymnasium haben uns zum Ziel gesetzt, die Geschichte immer wieder zu erzählen.“
Und seine Kollegin Annegret Tuchtfeld von der Oberschule Seesen ergänzt: „Angesichts der heutigen Entwicklung in Deutschland ist es besonders wichtig, unseren Jugendlichen aufzuzeigen, dass sie kritisch Dinge hinterfragen.
Wie auch Herr Perel betont, tragen wir zwar keine Schuld mehr an der Vergangenheit, aber wir haben die Verantwortung, die Geschichte der Zeitzeugen weiterzugeben“. Sie unterstützt damit Sally Perels Bitte, „alles zu tun, damit so etwas niemals wieder passiert.“ Wenn nur einer heute sein falsches Gedankengut ablegt, so habe er seine Mission erfüllt.
Nach der Lesung blieb es in der jungen Zuhörerschaft für eine ganze Zeit still, viele der Anwesenden schienen in Gedanken versunken. Fragen stellten sie Sally Perel erst bei der anschließenden Autogrammstunde. Unter anderem auch, wie es war, als seine Freunde aus der Panzerdivision erfuhren, dass er Jude ist. „Sie konnten es nicht glauben, es war ein Schock für sie. Bis heute bin ich für sie immer noch „der Jupp“.
Mit viel Geduld ging Sally Perel auf alle Fragen bereitwillig ein und betonte abschließend: „Als freier Mensch freue ich mich immer wieder, wenn ich als Gast nach Deutschland kommen kann. So lange mich meine Füße tragen, werde ich über die Gräueltaten der Nazis berichten.“