Instrumente und Noten kamen erst auf den „letzten Drücker“

Begrüßung durch Vorsitzenden Walter Kien. (Foto: Mateo)
 
Das Seesener Kulturforum war auch am Sonntaga wieder restlos ausverkauft. (Foto: Mateo)

„Blechschaden“ beim Kulturforum: Trotz längerer Wartezeit ein voller Erfolg

Ausverkaufte Veranstaltungen beim Seesener Kulturforum ist man gewohnt. Ungewöhnlich aber war die lange Warteschlange vor Beginn des Konzerts vor den geschlossenen Saaltüren. Der Grund: Instrumente und Notenmaterial der Musiker aus München hatten zwischenzeitlich einen anderen Flieger genommen und erst nach doppelter Warterei Hannover-Langenhagen erreicht.
Bob Ross, der nicht allzu große schottische Dirigent der Blechbläser der Münchener Philharmonie, betritt Jubel heischend die Bühne. Die Toccata von Johann Sebastian Bach zeigt gleich zu Beginn das Klangvolumen der Bläser. Das speziell schottisch-ross’sche Arrangement verzichtet – logisch – auf Orgel, hat aber mit Arnold Riedhammer einen hervorragenden Schlagzeuger dabei.
Ein temperamentvoller Flamenco („Salamanca“) setzt danach andere Klangfarben und Rhythmen. Die musikalischen Arrangements des Münchener Blasensembles sind kreativ, parodistisch, feurig und frech. Wie zum Beispiel klingen im Concerto Grosso von Georg Friedrich Händel die drei Streichinstrumente in Blech? Bob Ross: „Blechschaden klingt so gut, weil wir keine Streicher haben!“ Bei Robert Schumanns „Fröhlichen Landvariationen“ übernimmt die Bassposaune den Klavierpart. Lachpausen mischen sich mit Volkstönen. Dem „One Moment in Time“ vom Hornisten aus Cleveland (David Moltz) folgt heftiger „Tölzer Schützenjazz“ mit Schlagzeugsolo (am Gerät, am Mikroständer und auf der Bühnenkante), so heftig, dass die Blechbläser zur Rechten sich Ohrschützer überstülpen. Das irische Lied in Tuba-Performance (Michael Schwarzfischer) wird schottisch mit „Tubakrankheit?“ kommentiert: „Tubakulose“. Bob Ross präsentiert sich mit einer Donald-Trump-Papp-Maske und lässt die trumpets seines Ensembles mexikanische Antworten geben.
Nach der Pause spielt Franz Unterrainer (Trompete) seine eigene Komposition „Kameradschaftsmarsch“ in österreichischem Ton. In A. L. Webbers „Jesus Christ Superstar“ kann sich danach die belgische Trompete (Guido Segers) mit dem aktualisierten „Lied von Merkel an Erdogan“ einbringen. Pachelbels barocker „Kanon“ wird zum „Kanonen-Landler“, Mathias Fischer feiert beim Seesener Kulturforum„Weltpremiere“ mit seinem Carbon-Alphorn („Salsa für Alphorn“), ehe mit dem fetzigen „Tiger Rag“ von 1912 fast Originales ertönt, abgesehen von den Radetzki-Marsch-Einsprengseln am Schluss.
Die Bühne ist bunt und international besetzt, die Flaggen an den Notenständern weisen auf die Nationalitäten hin: Schottland, USA, Deutschland, Belgien, Tirol, Franken und Bayern München. Professoren, Philharmoniker, Preisträger und anders Ausgezeichnete präsentieren ein Programm, das Freude macht. Bob Ross vergleicht beziehungsreich die 33-jährige Biografie von „Blechschaden“ mit dem 30er Jubiläum des Kulturforums: „Dank dem Kulturverein, wo unsere Karriere begann!“
Es bleibt bunt: Von G. F. Händel („Chicken“) wird ein Bezug zu Jimmy Hendrix hergestellt, mit Schlauchtrompeten und Mini-Mini-Becken (Bob Ross) erklingt Verdis Gefangenenchor aus „Nabucco“, Zugaben en masse beenden das Programm, das Publikum ist längst zu Standing Ovations bereit: „Taste of Honey“, Glenn Millers „Tuxedo Junction“ und offenes Singen bei „YMCA“.
Der „Blechschaden“ – so hat man am Ende das Gefühl – ist eigentlich mit das Schönste, was dem Seesener Kulturforum in 30 Jahren passieren konnte.