Intellektuelle Perspektiven

„Na, wie ist die Freiheit? – Grenzenlos!“
 
Am Steinway-Flügel: Kabarettist Hagen Rether

Kabarett der Extraklasse beim Seesener Kulturforum

Es gab wieder einmal – wie immer, wenn Hagen Rether kommt – Kabarett der Extraklasse beim Seesener Kulturforum, allerdings auch einen echten Seesen-Marathon, der erst kurz vor Mitternacht zu Ende war.

Sein Programm heißt immer „Liebe“, inzwischen schon in fünfter Auflage. Da erwartet man Bekanntes, aber Rether ist aktuell. Man wusste es vorher: der Steinway-Flügel würde wieder intensiv auf Hochglanz gebracht werden, ein Bananenpaar wie eine Gondel die Seitenwange des Instruments zieren. Unaufgelöst rätselhaft? Gar ein affiges Markenzeichen? Das aktuelle Plakat präsentiert ein kräftiges Gorillamännchen. Gemeinsam haben Tier und Kabarettist die Vorliebe für Vegetarisches und trotzdem Reißzähne, real hier und intellektuell dort.
Im 25er-Jubiläumsjahr fragt Rether zum Einstieg: „Na, wie ist die Freiheit? – Grenzenlos!“ Rethers Fragen bleiben rhetorische. Er verweist auf die global gestreuten Brennpunkte, die medial trotzdem fern sind, es interessiert das Naheliegende, „ob 'Wetten dass' noch zu retten sei. – „Haben Sie Winterreifen?“ Das Naheliegende sind die alltäglichen Abstrusitäten: „Früher gab es noch Bankgeheimnis und Achselhaare“.
Die „Angst vor Thüringens Linke“ als „Angst vor Stalinismus“ wird gegenstandslos in Rethers Brandmarkung des „Stalinismus von den Lehman Brothers“.
Inzwischen ist der Steinway geputzt und bereit zum bespielt werden. Das läutet nach fast zwei Stunden free-jazzig die Pause ein: „Die Leute hier im Saal / die haben Blasen aus Stahl.“
Rethers Ironie ist teilweise antikatholisch. Damit zielt er aber nicht auf den Gott aller Menschen, sondern nur auf die politischen Transformationen der Weltreligionen. Der alte Papst ist immer noch Zielpunkt. Der Kabarettist ordnet ihn dem aktuellen Antisemitismus ein. Er sei doch so belesen. „Kennt der eigentlich Lessings 'Nathan'?“ Ein Hinweis aus Seesen: Dieser Lessing sollte seit 200 Jahren in Seesen bekannt sein. Parallel bekommt die CDU mit ihrer Betonung der „christlich-jüdischen Tradition“ Breitseiten verpasst. „Und wo bleibt der Islam?“ Alternativ zeige sich der Dalai Lama als „Peter Lustig für enttäuschte Christen“. „Ach, was reg ich mich auf!“
Dem medialen Verdummungs-Niveau stellt Hagen Rether intellektuelle Perspektiven entgegen; man merkt den Geist der Aufklärung. „Ich bin für gemeinsamen Ethikunterricht in den Schulen.“ Wir bräuchten nicht die verschiedensten Religionen: „Demut vor der Schöpfung und Nächstenliebe, das ist Religion genug!“ Die medien-gemachten Trugbilder werden zerschlagen und vorgeschobene Sündenböcke (Guttenberg und Tebartz van Elst) werden verdrängt durch anderweitig verscherbelte Milliarden.
Ist das Kabarett? Oder ist das Predigen vom erhöhten Berg der Bühne herab? Weltrezepte aus Zyniker-Perspektive? Zynisch, ja! Aber auch wahr! Das Publikum hat das Gefühl, etwas gelernt zu haben; aber will es deshalb auf Fleisch verzichten? Umsetzbar wäre mindestens: „Verweigere alles, wo Kinderarbeit drin steckt!“
Romantisches Träumen zum Schluss: Rether wendet noch einmal den Steinway-Tasten zu: „Somewhere Over The Rainbow“ für die Aspekte des „Stellen Sie sich vor…“ bleibt zum Schluss – logisch – harmonisch unaufgelöst, während der Mond kurz vor Mitternacht steht.
Es war wieder einmal eine Kabarettveranstaltung beim Seesener Kulturforum, die den Besuchern in Erinnerung bleiben wird.