Intellektuelle Schlacht gegen Medien-Ökonomie

 

Hagen Rether fesselt sein Publikum drei Stunden lang / „Wenn wir aussterben, dann wenigstens alleine!“

Es war wieder einmal Kabarett der Extraklasse beim Seesener Kulturforum: Plauderer am Klavier in monologischem Zwiegespräch mit dem Publikum und am Ende jeder Session eine Steigerung mit Klavierbegleitung: Hagen Rether fesselte sein Publikum drei Stunden lang (reine Spielzeit, Pause nicht eingerechnet!).
Sein Programm heißt immer „Liebe“, inzwischen in dritter Neuauflage immer noch „Liebe“. Da sitzt er zurückgelehnt im abgewetzten Chefsessel auf der Bühne neben dem Steinway-Flügel, der mit einigen Bananen-Rocaillen dekoriert ist.
Zaghafter Beginn: „N´Abend, geht´s gut?“ … „Haben Sie schon Winterreifen?“ 2009 war er zuletzt beim Kulturforum. „Damals hatten wir noch eine Regierung. Und jetzt? … Es sind immer noch die gleichen Nasen!“ Westerwelle, die Zwei-Prozent-FDP wird Thema und die gleichzeitige Erholung der Wirtschaft. Zum ersten Mal wird er lauter und fordert: „Lobbyisten raus aus dem Bundestag!, wie Jesus einst die Händler aus dem Tempel wies.“ – Dann kommen die Katastrophen des ersten Quartals, nicht zuerst Fukushima, sondern erst die von Guttenberg. Die Medienthemen seien propagandistischer Quatsch, von Terrorwarnungen, Zeckengefahr bis hin zu Marienkäfern, hinter dem die wahren Wirklichkeiten verstellt werden. Er nennt die Sündenböcke und die Augenwischerei, bevor er selbst den Steinway wischt und akkurat poliert. Die Waffen-Händler seien im Knast, nicht aber die Produzenten und die Politiker. Terrorismus sei „staatsgefährdend? – Nein, das sind zur Zeit die ratlosen Politiker und die Ratingagenturen!“ Und „jetzt haben die rausgefunden: Gadaffi ist voll gemein!“
Rethers Ironie scheint auch im Blasphemischen zu landen, ist mindestens aber antikatholisch. Dabei meint er aber nicht den Gott aller Menschen, sondern nur die politischen Transformationen der Weltreligionen. Der Papst ist Zielpunkt. Glaubwürdigkeit: „Da fährt einer mit dem panzerglasgeschützten Papamobil und Predigt Gottvertrauen!“ - Alternativ zeigt sich der Dalai Lama als „Peter Lustig für enttäuschte Christen“. „Das Unappetitliche an meinem Programm ist, dass nix erfunden ist!“
Rethers Kabarettprogramm beim Seesener Kulturforum ist eine intellektuelle Schlacht gegen Medien-Ökonomie, ist Schlagzeilen-Schelte, ist ein Aufdecken von politischer Heuchelei, richtet sich gegen die permanente mediale Verdummung, die Angst zu erzeugen hat und Nebenschauplätze hochhebt, um von den wahren Schulterschlüssen der Machthabenden abzulenken. Er fordert Investitionen ins Bildungssystem, während das Fernsehen das Publikum „wie Sechsjährige auf RTL2-Niveau gehalten wird.“ Nach der ersten einstündigen Plauderei fragt Rether: „Wollen wir jetzt anfangen?“ und er setzt am Flügel Harmonien als Background ein, zuerst als „Träumerei“. „Wir kriegen Angst gemacht vor Überfremdung! Wenn wir aussterben, dann wenigstens alleine!“ – „Ein Schuss aus einem Panzer ist so teuer wie ein Kita-Platz!“ – „Haben Sie eigentlich schon Winterreifen?“ – „Ach, was reg ich mich auf!“
Dem medialen Verdummungs-Niveau stellt Hagen Rether intellektuelle Perspektiven entgegen; man merkt den Geist der Aufklärung, „ich bin für gemeinsamen Etikunterricht in den Schulen.“ Solche Utopien des Miteinander klingen gebetsmühlenartig immer wieder durch, so auch am Ende durch die Wiederholungsphrasen am Klavier. Das argumentative Gift schleicht sich ein, die sich wiederholenden Banalitäten erzeugen neue Perspektiven. Vom Themenbreak durch die Kuh Yvonne kommt man wieder zurück zu den wahren Brennpunkten, Somalia … Kohle und Macht, „Benefiz hinter Panzerglas, wie beim Sparkassenangestellten“. Wir bräuchten nicht die verschiedensten Religionen: „Demut vor der Schöpfung und Nächstenliebe, das ist Religion genug!“
Zum Schluss hört man den Musiker Rether: Er beginnt jazzig pentatonisch, landet beim (Br)Ave Maria, bringt Vogelgetriller ein, wechselt von Scat-Gesang zu Jodel-Phrasen und musikalischen Endlosschleifen: „Die Kühlkette darf nicht unterbrochen werden!“ – Hektisches accelerando. Schluss. Das Publikum beim Seesener Kulturforum ist begeistert über den Abend mit Hagen Rether. Ach ja: Haben Sie schon Winterreifen? Joachim Frassl