„Jetzt müssen Sie die Kurve kriegen!“

Zu einer Geldstrafe von 300 Euro, zu zahlen in 50-Euro-Raten an die „Seesener Brücke“, ist ein ehemaliger Seesener verurteilt worden. Er musste sich vor dem Amtsgericht Seesen wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte verantworten. Richter Rolf Stratmann folgte damit der Forderung der Anklage.
Der heute 21-Jährige, der mittlerweile bei seinem leiblichen Vater in Elbe in der Samtgemeinde Baddeckenstedt wohnt, hatte am 26. Juni 2011 das Altstadtfest in Salzgitter-Bad besucht. Im Bereich des Brunnens am Bohlweg kam es dann gegen 1.50 Uhr zu einer zunächst verbalen, dann auch körperlichen Auseinandersetzung mit einem weiteren Festbesucher. Dass schließlich Polizeibeamte einschritten und die beiden Streithähne auseinanderbringen wollten, habe der damals 20-Jährige „wohl nur im Hinterkopf“ mitbekommen, wie er sagte. Auch daran, dass er sich aktiv mit Händen und Füßen gegen die Fixierung durch einen der Polizisten zur Wehr gesetzt und diese erst durch Mithilfe weiterer Polizeibeamten gelungen sein soll, mochte er sich zunächst nicht so recht erinnern. Doch im Verlauf der Verhandlung wurde seinem Gedächtnis immer mehr auf die Sprünge geholfen, bis er die Tat letztlich auch einräumte. Sein als Zeuge geladener Kontrahent (51) aus Salzgitter sagte aus, auf dem Weg zum Toilettenwagen in eine Jugendgruppe geraten zu sein und dort eine männliche Person angestoßen zu haben. Diese habe ihn gefragt, ob er „was auf die Fresse“ haben wolle und wollte wohl zu einem Kniestoß in den Unterleib ansetzen. Dadurch habe er sich bedroht gefühlt und seinem Gegenüber daraufhin in den Genitalbereich gepackt. Ein vor Ort durchgeführter Atemalkoholtest ergab beim Angeklagen einen Wert von 1,14 Promille, bei seinem Kontrahenten waren es 1,36 Promille.
Der 21-jährige Ex-Seesener ist alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Zur Last gelegt wurden ihm bereits Diebstahl, Fahren ohne Fahrerlaubnis in mindestens zwei Fällen, gemeinschaftliche Sachbeschädigung und Körperverletzung. Im Januar 2013 steht schon der nächste Gerichtstermin an, dann wegen Geldwäsche.
Sowohl die Jugendgerichtshilfe als auch die Staatsanwaltschaft sahen bei dem Angeklagten eine problematische Kindheit und Jugend – frühe Trennung der Eltern, häufige Wohnortwechsel, Schulabbruch nach der 8. Klasse –, werteten es aber als positiv, dass er mittlerweile seinen Hauptschulabschluss nachgeholt hat und in einer Kfz-Werkstatt regelmäßig einer Arbeit nachgeht. Da von einer Reifeverzögerung ausgegangen wurde, kam das Jugendstrafrecht zur Anwendung. „Jetzt müssen Sie mal die Kurve kriegen“, gab Rolf Stratmann dem 21-Jährigen noch mit auf den Weg, der das Urteil annahm.