Jetzt schon eine großartige Dirigentin

Das Staatsorchester Braunschweig spielte unter der Leitung von Anna Maria Helsing wie entfesselt. (Foto: Mateo)
 
Begeisterndes Dirigat: Anna Maria Helsing „trieb“ das Staatsorchester zu Höchstleistungen. (Foto: Jung)

Anna Maria Helsing erhält Spohr-Medaille und frenetischen Applaus / Waches und kompetentes Dirigat

Die halbstündige Einführung durch Martin Weller zeigte einmal mehr, wie groß die künstlerische und musikalische Kompetenz dieses Mannes ist. Kurzweilig und lehrreich ist das alles, was er ohne Konzept vorträgt. Solch einen Musikunterricht in der Schule wünschte man sich, dann wären sicherlich viel mehr braune, schwarze oder blonde Häupter in Konzerten zu sehen.
Schumann, Weber und Mendelssohn sind sicherlich die bekannteren Komponisten der Romantik. Dieser Louis Spohr jedoch ist nicht zu unterschätzen, wie die Aufführung seiner 4. Sinfonie „Die Weihe der Töne“ bewies. Dieses Werk schließt mit einem langsamen Satz – das gibt es eigentlich nur noch in Tschaikowskys 6. Sinfonie. Die vier Sätze haben deutsche Überschriften, ja beinahe Vorschriften. Das ist Programmmusik wie in Beethovens Pastorale.
Der „Dirigent“ des Abends war eine Frau. Pianistinnen, Geigerinnen und auch Cellistinnen gibt es seit Jahrzehnten (Jahrhunderten). Dirigentinnen leider erst wenige. Seesen tat gut daran, die finnische, äußerst sympathische Anna Maria Helsing zu engagieren. Geschmackvoll und einfach gekleidet, eilig und doch zurückhaltend im Auftreten. Ihre Schlagtechnik ist bewunderungswürdig, rasch, präzise und sehr elegant. So konnte man den ersten Satz der Sinfonie genießen und staunen über die handwerkliche Kompetenz dieser Frau. Der zweite Satz mit seinen drei Titeln enthält schwierige Taktwechsel. Wundervoll, wie sicher und mühelos Frau Helsing das alles bewältigte. Ein Sonderlob dem Cellisten des Orchesters. Blitzsauber und tonlich hervorragend spielte er sein Solo.
Selten erlebt man ein so waches und kompetentes Dirigat. Die „Kriegsmusik und Fortziehen in die Schlacht“ wurde mit viel Getöse und herrlichem Lärm dargeboten. Das Orchester spielte mit großem Einsatz. Auch die „Begräbnismusik“ (4. Satz) hinterließ einen bewegenden Eindruck. Dieses Orchester spielt auch – wenn es so geführt wird – leise, klangvoll und kantabel. Begeisternd und Begeisterung.
Bürgermeister Hubert Jahns überreichte anschließend mit sehr liebevollen Worten die Spohr-Medaille und den Obolus – und Blumen gab es natürlich auch (wir berichteten, die Red.).
Man konnte sich schon denken, dass eine begabte Finnin, die neben ihrem Dirigentenberuf auch noch eine sehr gute Geigerin ist, das bekannteste Werk des großen Jean Sibelius „Finlandia“ ausgezeichnet dirigieren würde. Es ging wirklich unglaublich zur Sache. Mit kurzen, rhythmisch äußerst präzisen Schlägen dirigierte Anna Maria Helsing dieses Konzert und riss Orchester und Publikum mit. Das waren Spannungsbögen bis zum Zerbersten. Noch nie habe ich die „Braunschweiger“ so entfesselt, ja besessen, spielen hören. Der Klang der Blechbläser war ungeheuer. Auch alle anderen Musiker gaben ihr Letztes - eine Sternstunde in Seesen! Wir alle haben erlebt wie das ist, wenn ein großer Musiker ein gutes Orchester anfeuert und es unter seinem Dirigat zu einem Spitzenorchester macht. Frau Helsing wird die Begeisterung gespürt haben – der Beifall wollte nicht enden.
Nach der Pause ging es dann so weiter. Auch Saint-Saëns Orgelsinfonie (Sinfonie mit Orgel) gelang vortrefflich. Die Partitur beherrschte Anna Maria Helsing genau und überlegen.
Der Organist Andreas Pasemann konnte sich glücklich schätzen unter solch einer Dirgentin spielen zu dürfen. Pasemann machte seine Arbeit sehr gut. Er zeigte sich nur kurz beim Publikum und wirkte dadurch sehr bescheiden. Kaum vorstellbar, dass dieser Saint-Saëns nur zwei Jahre jünger ist als Johannes Brahms. Die Musik des Franzosen ist anders koloriert, wilder, ja virtuoser und durchaus mediterran. Herzlicher Applaus. Sie soll, nein, sie muss wiederkommen, diese Anna Maria Helsing.

Gerhard Melchert