Jochen Malmsheimer beim „Seesener Kulturforum“

Jochen Malmsheimer begeistert das Seesener Publikum.

Jochen Malmsheimer wehrt beim ersten Bühnenauftritt den Applaus ab, es sei doch noch gar nichts passiert!

Zum zweiten Mal steht er in Seesen beim Kulturforum auf der Bühne. Die Erwartungen des Publikums sind groß. „Ich bin kein Tag für eine Nacht“ thematisiert Malmsheimer seine aktuelle Sprech-Show. Das gab es schon im Jahre 2000, aber noch nicht am Harzrand. Er verweist auf seine Heimat, das Rheinland, „da wo die Leute zum Lachen sich Uniformen anziehen“.

Malmsheimer leidet an Logorrhoe, einem permanenten Sprechdurchfall, an dem sich das Publikum begeistert. Die Szenen fließen ineinander, der Bericht über das Dachdecker-Innungskonklave philosophiert über Kneipengespräche („Man kann sich beteiligen, muss et aber nich!“), über die acht Durchläufe des Mineralwassers, hin zur Warnung vor dem laut und scharf angesetzten „Pássauf!“, das sich mit fein gestäubter Speicheldusche über die schreibende Zunft in der ersten Reihe niederschlägt. Die Beschreibung (Lesung) der Stammkneipe schwelgt in poetischer Breite über die irische Rockmusik und die sanft-sahnige Süße im Ansatz des Guinness-Bieres und gerät bis an den Nachgeschmack: „Erst wenn man mit jemandem gebrochen hat, weiß man, was in ihm steckt.“

Sprechstammeleien („Als vor 300 Jahren der Amerikaner erfunden wurde“) enden in stummem Gestus oder „mal anders formuliert: Kochen führt immer mehr ins Essen!“. Und: „Es gibt Leute, die sich beim Kochen filmen lassen!“ – Von Max Inzinger, über Biolek hin zu Mälzer. Das rein auditive „Kochen mit Jochen“ erreicht durch „rechts drehendes Olivenöl mit Fachabitur“ einen „Duft, die Schleimhäute tapezierend“.

Nach der Pause wird auf der Bühne das Dreifache an Technik aufgefahren. Drei eng übereck gestellte Standmikros begrenzen Malmsheimers Arbeitsfeld. Die Frage danach „warum Männer so sprechen, wie sie sprechen, wenn sie sprechen“ gerät zu einer langen und beeindruckenden Illustration des Kopfinnenlebens eines pubertierenden Jugendlichen. Sein Schädel ist bezüglich der Koordinierung von Sprache und Emotionen noch „spärlich möbliert“. In der Zentrale der Großhirnhalle wird Sprechalarm gegeben: „Sprechalarm! Alles für Boah ey vorbereiten!“ Die Konjunktivabteilung verbleibt in Wartestellung, das Plusquamperfekt reagiert mit „verstanden gehabt“. Das und noch viel mehr ist die komplizierte Steuerung zum „Boah ey“-Ausruf in Angesicht des Mädchens. „Aufstoßer in Stärke 6“, Darmantwort, Schluckauf-Alarm und Versuch der Abteilung SAM (Sitte-Anstand-Moral), die Triebsteuerungen abzubrechen („Einmal Vögeln macht noch keinen Sommer“), wird testosteronal bekämpft und das Paar landet zielgerichtet im Bett.

Das alles war virtuose Sprachgewalt beim Seesener Kulturforum. Die Hände im Umfeld der strapazierten Lachmuskeln geizten nicht mit Stürmen des Beifalls, auf die der rheinische Meister noch mit Zugaben reagierte.
Joachim Frassl