Jochen Malmsheimer beim Seesener Kulturforum

Jochen Malmsheimer erweist sich als Saalfüller beim Seesener Kulturforum.
 

Was würde Sprache eigentlich machen, wenn es Malmsheimer nicht gäbe?
„Flieg Fisch, lies und gesunde! Oder: Glück, wo ist dein Stachel?“ Nicht „friss!“, nicht „stirb“, nicht „Tod“, sondern Jochen Malmsheimer beim Seesener Kulturforum.

Die geschwülstete Sprache überzeugt neunmalklug und logisch, ehe sie am Ende der Alltags-Geschichten im Chaos zusammenbricht. Jochen Malmsheimer ist ein Saalfüller und das Seesener Kulturforum zieht mit seinem Programm das Publikum aus einem weit gesteckten Einzugsbereich in die Kabarettmetropole am Harzrand. Das wurde einmal mehr bei derVeranstaltung mit dem Ruhrpottkünstler deutlich.

Zu Beginn kämpft er mimisch und stammelnd gegen den großen Begrüßungsapplaus an, um dann bestätigend durchzudringen: „Ich teile Ihre Begeisterung.“ Der Außenbereich um die Aula herum habe allerdings seit seinem letzten Besuch „nicht wesentlich gewonnen“. Doch Seesen gewinnt an Charme, wenn Malmsheimer die Stadt gegen „Salzgitter-Ringelheim, das Bochum Niedersachsens“ abgrenzt („Als ich zagend dort den Zug verließ“).
Die Sprachgewalt und den Energiefluss des lautstarken Wortes müssen manchmal Mikro und Lautsprecher ertragen, denn das schöpferisch argumentierende Wortschrauben des Jochen aus Essen bewegt sich zwischen leisen Tönen und lautesten Eruptionen, obwohl er teilweise aus seinem dicken Manuskriptbuch liest. Er doziert über Kindererziehung, deren Nagetierwünsche und „Meerschweinchen in Sahnesoße“, über artgerechte Tierhaltung im Zoo, egal ob vor oder hinter den Käfigstangen. Er wettert über die „Kindernazis“ und die „Faschisten in allen sächsischen Kreisparlamenten“. „Früher war alles besser“ relativiert sich, wenn man Malmsheimer über das „Wurstbrot mit Zerwelat“ argumentieren hört und sieht. „Mit guter Butter! So war das Jahrtausende lang!“ Lang vergessene Jugenderinnerungen werden geweckt, wenn er an die elterlichen Radiomöbel mit „Beromünster“ erinnert. Kiesinger und Beate Klarsfeld und Altnazis sind Thema, aber auch der „Genitiv in Rias Tanzorchester“.

Malmsheimers sprachliche Taktik besteht darin, Unwichtigkeiten in gefühlte Wichtigkeiten zu bringen. Seine Argumentationsstränge sind Worthülsenketten großer Worte aus dem Sprachschatz deutscher Literaturen: „Männer vorm Spiegel“ sind ein episch breites Thema um das erste graue Haar, dabei auch großes mimisches Welttheater, zwischen Ballade, Menetekel und Stabreimlichkeiten, von Sensenmann bis Jedermann.
Erst nach der Pause nähert sich Malmsheimer dem „Lies und gesunde“-Thema dramatisch an. Ein zu erduldendes „Reisetagebuch“ bringt ihn in „mehrere Dilemmata“ in Worten von „Goethe, Joyce und gar Goethe“.
Ist Malmsheimer also literarischer Kabarettist, wenn er sagt: „Ich habe keine Lust zu politischem Kabarett“? Köstlich ist auf jeden Fall seine Bibliotheks-Nacht-Beschreibung: Dem „Wispern der Bücher“ (Umberto Eco, Name der Rose) auf der Spur erlebt er die Bücherdebatten aus den Regalen heraus, wo nicht nur ein Thomas Mann gegen Alfred Döblin geifert, auch eher triviale Paperbacks zu Wort sich melden. Der Mannsche „Zauberberg“ kann nicht zauberhafter sein als die Nacht in des Kabarettisten Bibliothek, in der die mehrbändige Goetheausgabe schönes Frankfotter Hessisch spricht und Reiseführer sich mit Migrationshintergrund outen.

Das begeisterte Publikum beim Seesener Kulturforum dankt mit kräftigem Applaus, Malmsheimer dankt mit Zugaben um „Glück wo ist dein Stachel“ und Paulus und Korintherbrief. Das einzige Gedicht aus der Feder Malmsheimers erreicht die Menschen im Saal: „Ein Stachelrochen namens Glück sehnt sich nach einer Röchin. ...“

Und noch etwas zum Schluss: Malmsheimer gratuliert dem Kulturforum zu der inzwischen 300. Veranstaltung und Seesen zum großen Erfolg „dieses umtriebigen Vereins“. Danke, Jochen.

Joachim Frassl