Jochen Malmsheimer beim Seesener Kulturforum

 

„Ermpftschnuggn trødå“, soll heißen Missverständnisse am laufenden Band von, durch und mit dem Kabarettisten Jochen Malmsheimer, gab es in der Aula im Schulzentrum zu verstehen. Das Seesener Kulturforum hatte eingeladen und ein Saal voll erwartungsfrohem Publikum war gekommen, sich darauf einzulassen.

Malmsheimers Einstieg als warm up ist dem Seesener Publikum von 2015 bekannt. Mimisch und stammelnd kämpft er gegen den reichlichen Begrüßungsapplaus: „Ich teile Ihre Begeisterung!“ Des Künstlers Sprachgewalt und der Energiefluss des lautstarken Wortes treffen manchmal heftig die Lautsprecher. Neunmalklug schwulstreich geschraubte Sätze gehen in betontem Mikrodonner unter. Dem Gesagten wird lautstark Ausdruck verliehen und „hinterm Staunen kauert die Frappanz“. Lyrische Stabreimansätze zerbrechen im Verstärkerdonner, Sprechtempo verliert sich in Genuscheltheiten. Ruhige Bekehrungen enden in explosiven Knallern.

Schöpferisch argumentierende Wortketten verheißen Erkenntnisse, führen aber immer wieder zu den diabolisch gesetzten Missverständnissen. Sprachen lernen sei angesagt, und schon erläutert Malmsheimer die Bedeutung der Betonung, weil im Chinesischen aus der gemeinten „Mama“ sonst eine „Schrankwand“ würde. Inhumanismen „auf dem Niveau einer Ohrenqualle“ und die Frage nach der „Unterscheidung der AfD von einer lästigen Hautkrankheit“ sind sekundenweise Thema, aber die Inhalte des Kabarettisten bleiben durchweg unpolitisch.

Predigten, Psalmen und Gebete um „Mode“ und „Hose“ werden durch infernalische Musik begleitet, sodass kurzzeitig Mephisto, Luzifer und die große Hure Babylon vorstellbar sind. Die sprachliche Bandbreite erstreckt sich zwischen neolithischem Neanderthaler und pubertierendem Sohn. Der Mann, best aged als Fünfziger, wird beschrieben als „Schatzkästlein“, mit „teigiger Trägheit“ und sich im Mittelbau „äquatorial verschiebenden Kontinenten“.

Malmsheimer verspricht, Missverständnisse aufzuklären, greift an den Anfang zurück, beschreibt das „Meer, schwarz dräuend“, Trockeneis vernebelt dezent den Bühnenhintergrund: Das Sprechen des Urmenschen erinnert ein wenig an Chaplins Hitler-Rede im „Großen Diktator“: „Schrampf de Schutta“(oder ähnlich?). Das Gesagte „Ermpftschnuggn trødå“ bleibt unverständliches Mysterium und der Vorlesende – Malmsheimer liest viel! – mündet in Stammeleien in Kurzsatzkaskaden. Die große Bedeutung der Muttersprache, wie will der Mensch sonst Toleranz lernen? „Wo wohnt deutsch?“ „Die Kinder Mannheims schlafen … die Söhne auch.“ Aus babylonischer wird „assyrische Finsternis“ in der „lingua Germanorum“.

Die Diskussionen im Spracharchiv um Neufassungen für das altehrwürdige Grimmsche Wörterbuch sind der Höhepunkt in Malmsheimers Bühnenvortrag: Er zeigt einen Kampf der begrifflichen Karteikarten im Schubladenschrank. Das neudeutsche Wort „chillen“ wird von „grillen“ hinterfragt. „Chillers Ode an die Freude“ landet in der sprachlichen Katastrophe. Wortfetzen Präpositionen und Satzglieder – mit Subjekt, Prädikat und Objekt – müssen sich formen. „Chillen müsste zuerst einen Test zur Eindeutschung bestehen“ und erst „die Gemeinschaft macht uns zum Text.“

Das Publikum beim Seesener Kulturforum hat wahrscheinlich sehr viel gelernt, ob alles verstanden wurde, steht auf einem anderen Blatt. Mit Beifall wird nicht gegeizt und beim anschließenden Bücherverkauf im Foyer tönt Jochen Malmsheimer weiter in hohem Bühnenduktus.

Dr. Joachim Frassl