Kabarett mit Jochen Busse beim Seesener Kulturforum

Jochen Busse ist ein angenehm ruhiger Comedian. Ohne jedes Kulissen-Element stand er auf der Bühne.

Dass ich nicht vergesse zu berichten: Jochen Busse war da, beim Seesener Kulturforum, vor vollem Haus. Sein erstes Soloprogramm, „Wie komme ich jetzt darauf?“, ist gleichzeitig die Abschiedstournee des inzwischen 73-jährigen kabarettistischen Bühnenstrategen. Die Bühne zeigt sich leer und ohne jegliches Kulissenelement, so dass man sich zu Beginn fragt: Wie steht der das durch?

Jochen Busse, schlank, in rentnerhafter Strickjackeneleganz, beginnt mit Friedrich Schillers „Bürgschaft“, die er in seit Jugendzeiten träinierter „Hühnersprache“ vorträgt und beim Publikum zunächst unverstanden bleibt. Er erklärt die Kunstsprache als eine sinnvolle Anti-Alzheimer-Übung. Er sei zwar 73 Jahre alt, aber man brauche keineswegs einen Pfleger im Hintergrund der Bühne zu erwarten. Das Gedächtnistraining braucht der Kabarettist wahrhaftig noch nicht, aber er spielt die Rentner-Ängste treffend und voller Selbstironie. In Bezug auf den Wunsch seiner Frau nach einer Romreise heißt es nur: „Wenn ich Ruinen sehen will, lade ich mir Freunde ein.“ Und die werden in der Folge treffend analysiert und therapiert. Wo trifft man heutzutage noch Gleichaltrige? Auf dem Friedhof. „Die Alten haben heute ein viel höheres Haltbarkeitsdatum.“ - „Wie komme ich jetzt darauf?“

Helmut Schmidt und Per Steinbrück sind Beispiele für hohe Vortrags-Honorare. Für Ursula von der Leyen stehen 20 000 € bereit, allerdings dafür, „dass sie endlich mal die Klappe hält.“ Die Scharia-Polizei in Wuppertal kommt zur Sprache. Trotz dieser Bezüge ist Busses Programm kein aktuelles Kabarett. Sieht man allerdings die zunehmende Überalterung der Gesellschaft und die damit wachsende Angst vor Demenz-Erkrankungen, dann ist Busse wirklich aktuell.

Jochen Busse ist ein angenehm ruhiger Comedian. Die Selbstironie verstreut sich im Publikum. Das herzliche Lachen dort ist Ausdruck einer tragic comedy. Rentner Jochen sucht die Jugend im Saal und beißt sich an „Dietmar“ in der zweiten Reihe fest. Für Jochen und seine Frau ist die Wohnung im fünften Stock des City-Altbaus – ohne Fahrstuhl – inzwischen zu anstrengend. Die leere Bühne ist Ausdruck des Aufgebens der Wohnung. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Tod rückt näher. „Wie komme ich jetzt darauf?“ „Aber bei mir steht er noch nicht vor der Tür, aber er sucht schon mal einen Parkplatz!“ „Was der Opa nicht mehr kann, muss er nicht mehr tun. Wie beim Gorgonzola ist der Schimmel das Beste.“ Schwarzer Humor ist bei Jochen Busse scheinbar resignativ gepaart mit tragischer Selbsterkenntnis, aber auch mit dem Aufdecken von Lebenslügen. Die Ironie durchzieht immer wieder die kritischen Selbstbespiegelungen.

„Was ist für den Menschen wichtig?“ Goethes Faust in SMS-Kurzform – „Den hab ich immer schon auswendig gekonnt“ – ist wieder einmal Beweis und Training gegen Alzheimer, aber das „Habe nun ach Philosophie...“ landet am Ende, wie befürchtet, bei „Weiße Rosen aus Athen“.

Jochen Busse, einer der Grandseigneurs des deutschen Kabaretts und des Boulevardtheaters, hat beim Seesener Kulturforum seinen zweistündigen Part mit Bravour gemeistert. Er verabschiedet sich vom Publikum mit dem Hinweis, dass es auf der Seesener Bühne kein Wiedersehen gäbe und deutet so dezent auf seine Abschiedstournee als Realität hin. Der herzliche Applaus des Publikums zwingt ihn trotzdem noch einmal zu einer Zugabe auf die Bühne.

Joachim Frassl