Kabarettistisches Büffet mit ganz viel Frau

Weiberpower (v.l.): Patrizia Moresco, Sissi Perlinger und Lisa Fitz.
 
Sissi begrüßte das überwiegend weibliche Publikum – welch Wunder – und betonte eingangs die überaus bedeutsame Aufgabe der 1.Reihe.

Sissi Perlinger, Lisa Fitz und Patrizia Moresco zu Gast beim Kulturforum in Seesen

Die Mischung macht’s. Und die war ausgesprochen reichhaltig. Sissi begrüßte das überwiegend weibliche Publikum – welch Wunder – und betonte eingangs die überaus bedeutsame Aufgabe der 1.Reihe. „Die Stimmung steht und fällt mit der ersten Reihe. Seien Sie sich dessen bewusst; Sie sind Vorlacher und Anlacher. Alles, was ihr sonst nicht dürft, hier sollt ihr!“ In Gesang, Tanz und Schauspiel ausgebildet, steht Perlinger seit 30 Jahren auf der Bühne und bietet eine Mischung aus scharfzüngiger Geschlechterkritik und geistreich originellem Lebens- und Liebesratgeber. Sie ist bunt – nein schrill -und als Catwoman hat sie so manchen Polyester-Kater erlegt. Sie verspricht an diesem Abend die Lösung des Jahrtausendrätsels aller Männer: Wie funktionieren Frauen? Und so kommen die diversen Stimmen, die Frau in sich vereint, zu Wort. In Sachen Kostüm macht Sissi so schnell keiner etwas vor, und so trug sie für den ständigen Kampf mit ungewissem Ausgang von Kopf, Herz, Bauch und … bizarr anmutende Kostümkonstruktionen und hatte doch nicht auf alle Fragen der Herrenwelt eine Antwort. Sie setzt dem ständigen Schönheits-, Schlankheits- Gesundheits-und Wellnesswahn eins entgegen: Perlinger pur. Sie rebelliert gegen die Dämlichkeitsspirale diverser Sendungen im Privatfernsehen; sie nennt es „das Verhütungsmittel für Denkprozesse“ und ist umso mehr beeindruckt, dass das Publikum an diesem Abend eben nicht vor der Glotze sitzt, sondern sich hier für’s Denken entschieden hat.

Patrizia Moresco - ein bengalisches Feuerwerk ist eine Knallerbse dagegen – so der Kommentar Sissis zur Bühnenkollegin, lässt ihren Blick über Alltägliches schweifen und wirbelt als Mischung aus La dolce vita und weichgekocht über die Bühne. Der selbstkreierte Dress aus Caro und Ozelot-Imitat ist provokant und kreativ, wie sie selbst. Nichts von geradlinig und kleinkariert. Ihre südländischen Wurzeln und schwäbische Kindheitserlebnisse vereint die Künstlerin in schwäbisch-italienischer Mundart. Sie blickt selbstironisch auf ihre bewegten Zeiten, die noch nicht vorbei sind, denn sie glaubt an ein Leben vor dem Tod. Sie möchte nicht als lactosefreie Humusschnitte ins Grab, lieber „holy shit, war dat nen Ritt“ und gibt dem begeisterten Publikum Nützliches mit auf den Weg. Die kurze Zeit vor dem Tod heißt Leben und das lässt sie sich nicht vom Biowahn, Raucherverbannung und TÜV-geprüften Spielplätzen für die Kinder vermiesen. Hemmungslos, provokant und hintersinnig verpackt sie ihre Lebensweisheiten.

Die Dritte im Bunde ist Lisa Fitz. Schauspielerin, Autorin, Musikerin und Kabarettistin der ersten Stunde, denn sie war die erste Frau, die ein Soloprogramm mit eigenen Texten auf die Bühne brachte. Der Ehrenpreis des Bayerischen Kabarettpreises wartet auf sie, aber vorher schaut sie in Seesen vorbei und lobt den Mut der Menschen im Saal: Es gibt mutige, anmutige, übermütige, wagemutige oder hochmütige – Hochmut kommt vor dem Fall…. Hoeneß z.B. Ein Gast, der mutige Carsten, wurde mit dem Buch der Künstlerin „Der lange Weg zum Ungehorsam“ belohnt. Sie rechnet gnadenlos und scharfzüngig mit Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ab. Sie kritisiert Panzerlieferungen an Saudi-Arabien und interpretiert nachdenklich Lieder von Konstantin Wecker und Reinhard Mey und betont die Errungenschaften der Frauenbewegung der letzten 100 Jahre. Aus den 3 K’s sind heute die 3 F’s geworden: find, fuck, forget. Frauen, allen voran die drei Künstlerinnen auf der Bühne, sind heute freier, frecher und mutiger. Da haben wir es wieder.
Jede der drei Damen kredenzte dem Publikum das Beste aus ihren Bühnenprogrammen und als vorzeitig gealtertes Trio boten sie Zukunftsvisionen aus der Stammkneipe „Zum friedlichen Hospiz“. Das Kulturforums-Publikum hat sich begeistern und mitreißen lassen. Ein sehr gelungener Abend als Abschluss einer erfolgreichen Saison.

Claudia Reichardt