„Kirche ist eine Geschenkgemeinschaft“

Landesbischof Dr. Christoph Meyns war in Seesen zu Gast.
 
Gut 120 Besucher waren beim 13. Stifterfest dabei, Musik kam von der Flötengruppe.

Landesbischof Christoph Meyns referiert beim 13. Seesener Stifterfest / Feuerwehr im Blick haben

So etwas gab es in Seesen noch nie. Am vergangenen Freitag schauten die Gäste des 13. Stifterfestes etwas ungläubig zum Dach der Seesener St. Andreas-Kirche.

Zwei Störche hatten sich am Nachmittag dort niedergelassen. Ein weiterer im benachbarten Baum. Sie harrten aus. Vielleicht spürten sie, dass ein besonderer Gast zum Stifterfest gekommen war. Nämlich Dr. Christoph Meyns, Bischof der Landeskirche Braunschweig. Seit Juni 2014 ist er im Amt. Bevor er in den Urlaub weiterreiste, legte er in Seesen einen Zwischenstopp ein. In seinem Vortrag ging er einmal der Frage nach, was Kirche in unserer Zeit eigentlich ist. Eine Parallele zu Seesen, denn so heißt auch die Stiftung „Kirche unserer Zeit“. Gut 120 Gäste waren anwesend. Eine Stunde folgten sie gespannt dem eloquenten und freien Vortrag des Kirchenmannes.
Christoph Meyns spannte in seinem Vortrag einen großen Bogen. Ging auf Mitgliederentwicklung und die aktuelle Flüchtlingssituation ebenso ein wie auf die Rolle der Kirche. Drei Dinge machen für ihn Kirche heute aus: Sie ist erstens ein Fundament für die Fragen des Lebens. Wer sind wir? Was sollen wir tun? Bei der Beantwortung hilft die Kirche. Zweitens gibt sie Haltung und Halt. Letzteres aus Sicht des Landesbischofs durchs Gebet. Und als drittes zählt das Verhalten, das sich in der Nächstenliebe äußert. Diese drei Komponenten machen für den Landesbischof die Kirche zu einer Geschenkgemeinschaft.

Von Feuerwehr lernen

Kirche wird von Ehrenamtlichen getragen. 16.000 sind es insgesamt in den 400 Kirchen, die zur Braunschweigischen Landeskirche zählen, wie Seesen und Goslar. 380.000 Mitglieder gehören dazu. 252 Pfarrer und weiteren 3.400 Beschäftigten sind hauptamtlich engagiert. Für den Landesbischof sind die Hauptamtlichen nur vom Dienst befreit, um ihre Zeit der ehrenamtlichen Arbeit widmen zu können. Trotz dieser großen Zahl der Ehrenamtlichen hat auch die evangelische Kirche mit einem Problem zu kämpfen, nämlich dem Mitgliederverlust. Seit 1994 sind es gut ein Drittel weniger in Christoph Meyns Wirkungsgebiet. Die Menschen ziehen sich mehr und mehr ins Privatleben zurück. Er hat eine klare Botschaft: „Wir müssen von den Feuerwehren lernen, um besser zu werden“, sagt er. Und liefert sogleich eine Begründung: „Mit elf Prozent haben sie in Deutschland mit Abstand den geringsten Mitgliederverlust - Glückwunsch!“ Mit ihrem Engagement in der Kinder- und Jugendarbeit gibt es gemeinsame Schnittpunkte. Wie sie agieren, was sie besser machen, das sollte nach Meinung des Landesbischofs die Kirche für ihre Arbeit lernen.
Es ist ein geben und nehmen. Doch müssen für ihn die Pfarrer auch hinter dem stehen, was sie predigen.  Christoph Meyns nannte ein paar Beispiele. „Ich kann nicht Liebe predigen und dann immer meine Kirchenvorsteher anschnauzen, das ist schon komisch. Ich kann nicht Liebe predigen und dann zu einem Trauergespräch immer zu spät kommen“, sagt der Kirchenmann. Sie dürfen die Bodenhaftung nicht verlieren. Glaubwürdig bleiben. Eines ist dabei auffällig, Christoph Meyns verwendet gern Bilder, um den Inhalt den Zuhörer klarer zu machen. So zum Beispiel bei der Sache mit der Bodenhaftung.  Wenn der Esel einen beladenen Karren bewegen kann, ist das gut. Nur der Wagen darf nicht so vollgeladen werden, dass er nach hinten umkippt und der Esel in der Luft hängt. Sein Appell: „Es ist das wichtigste mit Liebe dafür einzustehen!“

Kirche muss
Flüchtlingen helfen

Auch zur aktuellen Flüchtlingssituation äußerte sich Christoph Meyns. „Uns steht es nicht zu von Obergrenzen zu reden“, sagt er klar. Vielmehr müssen wir diskutieren, wie wir als Kirche den Menschen helfen können. Dabei nannte er auch ein paar Zahlen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es Deutschland innerhalb von zehn Jahren elf Millionen Flüchtlinge unterzubringen. Und in den 1990er Jahren, als der Balkankrieg in Europa tobte, nahm Deutschland die Flüchtlinge bei sich auf. Bis sie wieder in ihr Land zurückkehren konnten. Vor Kurzem wurde der Landesbischof angesprochen, ob es möglich ist, einen Gottesdienst für die syrischen Christen in arbischer Sprache zu machen. Für Christoph Meyns ist das ein wichtiger Punkt. „Sie brauchen einen Ort, ein Stück Heimat, wo sie selbst sein können. So geht es jedem von uns“, ist der Kirchenmann überzeugt.  Der Staat muss seiner Meinung nach Grenzen setzten. „Aber Angst ist kein guter Ratgeber“, sagt Meyns weiter.
Er denkt in diesem Zusammenhang an den barmherzigen Samariter. Es zählt zur bekanntesten Erzählung Jesu im Neuen Testament. Die Geschichte ist im Lukasevangelium überliefert und ein Appell zur tätigen Nächstenliebe. Und hier schließt sich der Kreis an diesem Freitagabend. Denn wie gesagt, die Nächstenliebe ist für Christoph Meyns ein wichtiger Pfeiler der Kirche. Vor allem in unserer heutigen Zeit. „Wenn wir das, was im Evangelium steht mit Wort und Tat bezeugen, dann ist mir nicht bange um die Zukunft unserer Kirche“, so sein Schlussappell an das Seesener Publikum an diesem Freitagabend.