Klasse statt Masse – Museum auf dem Weg in eine sichere Zukunft

Die Steinway-Ausstellung mit jetzt drei wertvollen Instrumenten. (Foto: Poerschke)
 
Stadtgeschichte und Siedlungswesen. (Foto: Poerschke)
 
Beim Museumsspiel gilt es, die an verschiedenen Vitrinen angebrachten Motive durchzupausen. (Foto: Poerschke)

Positive Auftakt-Bilanz nach Wiedereröffnung / Hohe Priorität für begleitende Angebote

Der offenporige Fußboden in Mittelgrau bildet einen gelungenen Kontrast zu den grauweiß gestrichenen Wänden, der strahlend weißen Decke und der ebenfalls in Weiß gehaltenen Möblierung. Zu letzterer zählen eine Ausstellungs-Vitrine, ein kleiner Verkaufstresen sowie ein Beamer, der mittels bewegter Strichzeichnungen über die Geschichte des einstigen Jagdschlösschens informiert. Einzig die Wegweiser, die die Orientierung erleichtern sollen, bringen punktuell ein wenig Farbe in den Eingangsbereich.

Seesen (poe). Das ist der erste Eindruck, der sich seit gut einem Monat den Besuchern bietet, die nach der offiziellen Wiedereröffnung Ende November vergangenen Jahres ihre Schritte zu einem „Rendezvous mit der Geschichte“ in das neu gestaltete Städtische Museum lenken. Für all jene, für die das 1964 an dieser Stelle eröffnete Museum noch unentdecktes Neuland darstellt, kann der Eindruck sicher nicht das Prädikat „außergewöhnlich“ für sich reklamieren; für viele andere aber, die sich seit Jahren zu den Besuchern rechnen, durchaus (noch) gewöhnungsbedürftig. Unverändert blieb, wenn man so will, eigentlich nur das Gewölbe, in dem die über 200-jährige Geschichte der Nahrungsmitteldose anhand einer Vielzahl von Exponaten nachvollzogen werden kann.
Insgesamt gesehen aber hat sich das Gesicht des Museums – vor allem jedoch dessen inhaltliche Ausrichtung – grundlegend gewandelt. Es wurde dem herrschenden Zeitgeist angepasst. Seit vielen Jahren schon weiß man in der bundesdeutschen Museen-Landschaft, dass die meisten der Zeitzeugen-Tempel nur dann eine Überlebenschance auf Dauer haben, wenn sie mit „Klasse statt Masse“ um die Besuchergunst buhlen.

"Weniger ist mehr" lautet das Motto

Frönte man über Jahrzehnte hinweg mit viel Enthusiasmus einer ungebremsten Sammelleidenschaft, die – wie auch im Seesener Museum – in hunderten, wenn nicht gar tausenden von Exponaten ihren Niederschlag fand, so setzen die Museumspädagogen und Museumsleiter seit geraumer Zeit schon auf das Motto „weniger ist mehr“. Sie stärken bestimmte Fachbereiche, um sich von dem Angebot anderer Museen abzuheben und um – bekannt unter dem Begriff des so genannten „Alleinstellungsmerkmals“ – die Einmaligkeit ihrer Einrichtung zu unterstreichen.
Ein Konzept, mit dem auch in Seesen ein neues museales Zeitalter eingeläutet werden sollte; aber auch ein Konzept, das den Rat und die Verwaltung mit Blick auf die Planung und auf die Finanzierung der veranschlagten Kosten – immerhin rund 850.000 Euro – vor besondere Herausforderungen stellte.

Erst Förderung machte „neues“ Museum möglich

Es war ein mutiges und finanziell aufwendiges Unterfangen, das von der Stadt allein nicht hätte in Angriff genommen und umgesetzt werden können, machte Seesens Bürgermeister Hubert Jahns in einem Gespräch mit dem „Beobachter“ deutlich. „Wenn es uns nicht gelungen wäre, Fördermittel und Zuschüsse in einem Gesamtvolumen von etwa 710.000 Euro einzuwerben, dann hätten wir höchstwahrscheinlich noch nicht einmal die notwendigen Sanierungsmaßnahmen an der Bausubstanz des Gebäudes innerhalb eines Jahres komplett realisieren können – von einer inhaltlichen Neugestaltung, selbst in Teilbereichen, ganz zu schweigen“, sagte der Verwaltungschef.
Auch wenn sich der Eigenanteil der Stadt Seesen auf „nur“ 140.000 Euro beläuft. Die Gesamtkosten in Höhe von besagten rund 850.000 Euro werden spätestens seit der Wiedereröffnung der Einrichtung durchaus auch kritisch hinterfragt – nicht selten mit dem Hinweis darauf, dass diese Mittel besser hätten eingesetzt werden können, beispielsweise im sozialen Bereich.

"Drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen"

Für den Bürgermeister eine auf den ersten Blick verständliche Haltung, die jedoch einer Korrektur bedürfe. Hubert Jahns: „Wären die Fördermittel und Zuschüsse nicht von der Stadt Seesen beantragt worden, so hätten andere Städte und Gemeinden – und die stehen angesichts der nach wie vor prekären finanziellen Situation der Kommunen Schlange – sie beantragt. Und auch diese Städte oder Gemeinden hätten die Mittel zweckgebunden investieren müssen, also in die Planung und Realisierung ähnlicher Maßnahmen und nicht in die Förderung von Projekten im sozialen Bereich“.
So aber habe man gleich „drei Fliegen mit einer Klappe“ schlagen können. Es eröffnete sich die Möglichkeit, die Bausubstanz des einstigen Jagdschlosses zu sanieren und zu renovieren, eine barrierefreie Erschließung des Museums zu erreichen sowie einen modernen Sanitärtrakt auszuweisen. Damit trage die museale Einrichtung nunmehr den Anforderungen Rechnung, die gemeinhin an ein zukunftsorientiertes Museum gestellt werden.
Die Zahl der Exponate, die einst von der abwechslungs- und facettenreichen Geschichte der Stadt seit deren erster urkundlicher Erwähnung kündeten, wurde drastisch reduziert. In den Fokus rückten der Komponist und Dirigent Louis Spohr, der international renommierte Mineraloge Johann Ludwig Carl Zincken, eine auf den Punkt gebrachte Mineraliensammlung, die Erfolgsgeschichte von Steinway & Sons, Israel Jacobson, die Synagoge und die Bedeutung Seesens als Wiege der synagogalen Musik sowie der neu gestalteten Bereich zur Stadtgeschichte.
Da können die Besucher beispielsweise das erste in New York von Steinway hergestellte Tafelklavier bewundern und die weitere Entwicklung des Klavierbaus noch an zwei weiteren, überaus wertvollen Instrumenten aus der Steinway’schen Produktion verfolgen, in einem Séparée, dessen Möblierung an fürstliche Zeiten erinnert, den Klängen eines „Steinways“ lauschen, die „längste (Klavier)-Saite der Welt zum Klingen bringen, sich von der Musik Louis Spohrs verzaubern lassen, sowie anhand ausgesuchter Exponate und teilweise interaktiv Stadtgeschichte zum Leben erwecken.
„Ich denke, dass die Entscheidung, das Museum neu zu gestalten, die richtige Entscheidung war, um es langfristig in seinem Bestand zu sichern“, bestätigte die 1. Vorsitzende des „Freundeskreises Städtisches Museum“, Renata Jahns. Sie verwies darauf, dass in den wenigen Wochen seit der Wiedereröffnung immerhin schon gut 850 Besucher gezählt werden konnten. „Ich bin mir allerdings auch sicher, dass es künftig darauf ankommen wird, das vorhandene Angebot durch wechselnde Sonder- und Wanderausstellungen sowie durch weitere Veranstaltungen zu arrondieren, um die Vielfalt der Möglichkeiten, die das Museum nunmehr bietet, voll auszuschöpfen und immer wieder aufs Neue Lust auf einen Museumsbesuch zu machen“.

Seesen – eine reiche Museumslandschaft

Übrigens: Mit dem Städtischen Museum in der Kernstadt, dem Wilhelm-Busch-Haus in Mechtshausen, dem Rhüdener Heimatmuseum und dem Postmuseum in Bornhausen bietet die Stadt dank der jeweils inhaltlich unterschiedlichen Schwerpunkte der musealen Einrichtungen die nicht nur für eine Stadt der Größenordnung Seesens eher seltene Gelegenheit, mehr als zehn Jahrhunderte regionaler und lokaler Geschichte intensiv erfahren zu können.