Klingende Leckerbissen, vollendet kredenzt

Der Vorsitzende des Konzertvereins, Werner Heindorf, begrüßte die zahlreichen Gäste aus Seesen und Umgebung.
 
Die warme Akustik der St.-Andreas-Kirche verhalf dem Konzert zur Extraklasse.

Kritik zum Konzert des Staatsorchesters Braunschweig in St. Andreas

Ein Konzert, wie es Musikliebhaber sehr selten erleben können, gestalteten am Freitagabend in St. Andreas in Seesen der Dirigent Gerd Schaller und das Staatsorchester Braunschweig. Anlass war die Verleihung der Louis-Spohr-Medaille der Stadt Seesen an den jungen ukrainischen Bariton Oleksandr Puschniak, der zur Zeit dem Ensemble des Staatstheaters Braunschweig angehört.

Er stellte seine Gesangskunst in drei Arien von Louis Spohr vor, die das Zentrum des Programms bildeten: Die erste Arie des Perser-Königs Cyrus aus Spohrs spätestem Oratorium Der Fall Babylons (1840), eine der Arien des Felix de Vazques aus der 1830 uraufgeführten Oper Der Alchymist und die Auftrittsarie des Titelhelden aus der 1813 in Wien geschriebenen Oper Faust, mit der, sozusagen unter den Augen und Ohren Beethovens die Entwicklung der deutschen romantischen Oper begann. Uraufgeführt wurde dieses epochemachende Werk 1816 in jenem Prager Theater, in dem 29 Jahre zuvor Mozarts Don Giovanni erstmals erklang – welch eine Sternstunde für den Mozart-Verehrer Spohr!
Flankiert waren diese drei Arien von zwei großen Symphonien, die entstanden, als Spohr als kleines Kind bereits in Seesen lebte, die ersten für sein späteres Leben und seine so bedeutende Karriere entscheidenden Weichenstellungen erfolgt sind: Die Symphonie g-Moll KV 550 von Spohrs späterem Idol Mozart und, als Abschluss, die Symphonie Nr. 94 in G-Dur, mit dem Paukenschlag von Joseph Haydn. Dieses dramaturgisch so überaus passend und rund angelegte Programm, das an einen Flügelaltar gemahnt und der Kirche als Konzertraum auf so treffende Art gemäß war, wurde vom Dirigenten und dem Staatsorchester mit ebensoviel Energie und Kraft wie Sensibilität und Nuancenreichtum in Klang umgesetzt. Gerd Schaller und seine Musiker scheuten keine Betonung der oft herben, bisweilen erschreckenden Dissonanzen, die Mozart als einen Komponisten der damaligen Avantgarde ausweisen, und die stürmische Wildheit des Finales ließ keinen Zweifel an der Erkenntnis E.T.A. Hoffmanns, Mozart sei ein Romantiker.
Lust auf mehr machten die drei Arien Louis Spohrs, nicht allein durch die vokale Darstellung Oleksandr Puschniaks: Die Klangfarben des Orchesterparts bewiesen überzeugend, auf wie ganz eigenwüchsige Weise Spohr den Weg Mozarts weiterging und damit Wagner vorbereitete. Ein besonderes Glanzstück gelang dem Solisten wie dem Orchester, vor allem seinen Blechbläsern in der ersten Arie des Cyrus, deren nobler Gebets-Charakter sich zur Intensität einer Vision steigerte. Der junge Solist, der bereits als Donner im diesjährigen Bayreuther Ring des Nibelungen am grünen Hügel debütiert hatte, bedankte sich nach seiner Ehrung durch den Seesener Bürgermeister Erik Homann mit einem alten, nostalgischen Schlager aus seiner Heimat als Zugabe.
Fulminanten Abschluss bildete die Symphonie Haydns, deren wilde, stürmische Temperaments-Ausbrüche, Klarheit und optimistische Helle ein begeistertes Publikum zu enthusiastischem Applaus und Bravo-Rufen hinriss.
Der kraftvolle, stets ein wenig stahlige Klang von Haydns Instrumentation kam in der warmen Akustik der St.-Andreas-Kirche ideal zur Geltung. Gerd Schaller und das Staatsorchester bewiesen einmal mehr, dass Haydn ebenso wenig der angeblich etwas lederne Papa Haydn wie Mozart bloß der apollinische Götterliebling waren, und Louis Spohr alles andere als ein Biedermeier-Komponist. Welch ein rundum gelungener Abend!