K.O-Tropfen: Die unsichtbare Gefahr

Wie Mädchen und Frauen in die Hände von Vergewaltigern gelangen

Von Maximilian Strache

Sophie liegt nackt auf dem Wohnzimmerboden als sie erwacht. Ihr Unterleib schmerzt. Sie hat keine Idee, wie sie dort gelandet ist. Es ist ein Horrorszenario für die 19-Jährige. Am Vorabend war sie mit ihren Freundinnen in der Disko. Die Flasche Sekt vom „Vorglühen“ steht noch auf dem Tisch. In der Disko haben sie getanzt und getrunken. Sie erinnert sich an den Kassenbereich in der Disko und das coole Tattoo vom Türsteher. Sonst ist alles Weg. Sophie hat keine weiteren Erinnerungen an die vergangene Nacht.
Sie greift zu ihrem Handy. Zehn Anrufe in Abwesenheit und vier Textnachrichten von Anna, ihrer besten Freundin. Anna fragt um 3:15 Uhr , „Wo bist du? Können dich nicht finden. Bist du mit dem Typen unterwegs? Gehen jetzt nach Haus du alte Saufziege. Meld dich. Kuss Anna.“ Die Anrufe hat Anna von 2 Uhr bis 3 Uhr nachts abgesetzt. Sophie hat keinen davon beantwortet.
Sie fühlt sich merkwürdig und hat den Verdacht, dass etwas Schlimmes mit ihr passiert ist. Sie ruft Anna an. Was dann folgt, ist die schreckliche Erkenntnis, dass Sophie vermutlich Opfer einer Vergewaltigung geworden ist. In der Disko könnte ihr der Täter so genannte K.O.-Tropfen in ihren Drink gemischt haben, um sie in der Folge zu vergewaltigen.
Bundesweit werden, laut Berichten des „Weissen Rings“ immer mehr Fälle, wie der von der fiktiven Sophie bekannt, bei denen Drogen ganz gezielt eingesetzt werden, um Frauen und Mädchen willenlos zu machen und in diesem Zustand zu vergewaltigen.
Boulevard Seesen hat sich mit diesem schwierigen Thema beschäftigt und sich mit Fachleuten von der Polizeiinspektion Goslar und dem „Weissen Ring“ getroffen.
Kriminalhauptkommissar Bruno Schulz, Leiter des 2. Fachkommissariats für Raub, Rauschgift, Erpressung, Glücksspiel und Einbruch, sagt, dass die Anzahl solcher Fälle im Landkreis Goslar, verglichen mit Metropolen, wie Hamburg, Berlin oder Köln gering ist. In den letzten Jahren ermittelte die Polizei in fünf bis sechs Verdachtsfällen. Ein tatsächlicher Nachweis konnte allerdings nie geführt werden.
Bei K.O.-Tropfen handelt es sich in der Regel um Gamma-Hydroxy-Buttersäure (GHB), in der Drogenszene auch als Liquid Ecstasy bekannt. GHB wirkt dosisabhängig und individuell sehr verschieden. Gering dosiert kann GHB entspannend oder enthemmend wirken. Doch auch geringe Dosen können bereits zur Willenlosigkeit und Bewusstlosigkeit führen. Fatal ist, dass der Nachweis, ob die Droge tatsächlich verabreicht wurde, fast nicht zu führen ist. „GHB ist nach Einnahme etwa fünf Stunden nachweisbar. Es wandelt sich schnell in körpereigene Substanzen um“, erklärt Kriminalhauptkommissar Schulz. Die Wirkung der Droge halte etwa drei Stunden an.
Da man K.O.-Tropfen nicht sehen, nicht riechen und nicht schmecken kann, steht den Betroffenen kaum eine sichere Strategie zur Verfügung, sich vor der heimlichen Verabreichung der Tropfen zu schützen. Deshalb rät Günter Koschig, Leiter des „Weissen Rings“ in Langelsheim und Präventionsbeauftragter der PI Goslar, dass Getränke auf keinen Fall unbeaufsichtigt gelassen werden dürfen. „Am sichersten ist es, wenn man sein Getränk in den Händen hält, und nicht abstellt, bis es geleert ist.“
Nach der Einnahme von K.O.-Tropfen setzt die Wirkung etwa 20 bis 30 Minuten später ein. Dann empfindet das Opfer zunächst Übelkeit und Schwindel. Es ist mit dem Zustand nach übermäßigem Alkoholkonsum zu vergleichen. Bereits vor dem Verlust des Bewusstseins machen die Tropfen willenlos und leicht manipulierbar. In diesem Vorstadium kann das Opfer noch eine Weile relativ normal reden und sich bewegen, ohne, dass es für einen Außenstehenden erkennbar ist, dass bereits ein massiver „Blackout“ vorherrscht. Die beschriebene Wirkung von K.O.-Tropfen erklärt, warum es für Täter so einfach ist, die Droge in öffentlichen Lokalen und Diskos zu verabreichen,
Erwacht das Opfer aus der Bewusstlosigkeit hat es im besten Fall nur noch vage, bruchstückhafte Erinnerungen. Den oder die Täter zu belangen ist daher meistens sehr schwierig.
Bruno Schulz rät allen Frauen, die vermuten Opfer eine solchen Tat zu sein, folgende Dinge zu beachten. „Sperma und Speichel sind sehr wichtige Spuren. Deshalb ist es von großer Bedeutung, dass die vermeintlichen Opfer nicht duschen. Auch, wenn dies verständlicherweise sehr schwer fällt. Überdies sollten Unterwäsche, Bettlaken und andere Kleidungsstücke aufbewahrt werden.“
Eine ärztliche Untersuchung ist zwingend erforderlich, so wie die Nennung und Vernehmung möglicher Zeugen. Wichtig ist vor allem, sagt Schulz, dass sich die Opfer an die Polizei wenden.
Günter Koschig weiß, dass dieses Prozedere mit großen Überwindungen für die Opfer verbunden ist: „Die Opfer sind nach einer solchen Tat traumatisiert und haben Angst in eine Ecke gedrängt zu werden. Da bei solchen Taten auch meist der Konsum von Alkohol eine Rolle spielt, haben die Opfer Angst im schlimmsten Fall als alkoholabhängig abgestempelt zu werden.“ Koschig betont jedoch, dass Polizei und die Mitarbeiter des „Weissen Rings“ für solche Fälle speziell geschult werden. „Es geht nicht darum bei solchen Ermittlungen irgendjemanden vorzuführen. Wir wollen helfen, benötigen dazu jedoch die Kooperationsbereitschaft der Opfer“, so Koschig.
Trotz der geringen Anzahl an Fällen, die bundesweit bekannt werden, ist zu vermuten, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt. Allein die zahlreichen Schilderungen betroffener Frauen und Mädchen im Internet liest, bestätigen diesen Verdacht. Auf einer Forenseite unter www.forum.gofeminin.de schildern zahlreiche Mädchen und Frauen ihre schrecklichen Erlebnisse.
Dennoch weisen Koschig und Schulz daraufhin, dass es sich bei dieser Form des Drogenmissbrauchs eher um eine Ausnahmeerscheinung handelt. „Die Polizei ermittelt in solchen Fällen vor allem in Bezug auf den Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. Und da ist der Gebrauch von K.O-Tropfen eher zweitrangig“, sagt Schulz. Doch trotz der verhältnismäßig geringen Fallzahlen raten Koschig und Schulz zu unbedingter Vorsicht.
Der „Weisse Ring“ ist erreichbar unter der Rufnummer (05321) 339-205. Die Nummer der Polizeiinspektion Goslar lautet (05321) 339-0.