„Kollektivschuld lehne ich ab“

Ruth Gröne zeigt, wo sie einst den „Judenstern“ tragen musste.
 
Eines aufmerksamen Auditoriums durfte sich die Zeitzeugin sicher sein.

„Spuren meines Vaters“: Zeitzeugin Ruth Gröne berichtet vor JGS-Gymnasiasten über ihr Leben unter NS-Regime

„Spuren meines Vaters“, lautet der Titel des Erinnerungsbuches von Ruth Gröne. Als Zeitzeugin berichtete sie vor einer interessierten Schülerschar des Jacobson-Gymnasiums über ihr Leben in den Jahren der Nazi-Herrschaft. Sie wollte „mit Schülern reden“, aber im Anschluss daran selbst weitere Spuren ihres Vaters in Seesen kennenlernen.


Ihr Vater, Erich Kleeberg, war zwischen 1916 und 1919 Schüler der Jacobson-Schule gewesen und ist eines von etwa 260 jüdischen Shoah-Opfern, die diese Schule besucht hatten.
Es ist ein Tag, der viele bewegende Momente bereit hält. Anlässlich ihres Geburtstages im Sommer ist ihr in Anerkennung ihres großen Einsatzes für die Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit das Bundesverdienstkreuz verliehen worden. An der Stelle, an der sie als junges Mädchen den Judenstern tragen musste, hat sie sich die Spange des Verdienstkreuzes angesteckt.
Vor der Veranstaltung im Aula-Foyer mit den Religionskursen des 10. Jahrgangs nahm Ruth Gröne an der Gedenkfeier der Schulgemeinde teil. Sie saß in der ersten Reihe und wurde von den Schülerinnen und Schülern einbezogen und angesprochen, weil Lebens- und Schuldaten ihres Vaters aus dem Totenbuch der Jacobson-Schule neben anderen ausgewählten Namen vorgelesen wurden.
Schulleiter Stefan Bungert stellte den Schülern die Referentin vor und berichtete kurz über das Kennenlernen anlässlich einer Veranstaltung des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik in Hannover. Die Auseinandersetzung mit „Erinnerungskultur“ sei auch Thema für das aktuelle Abitur. Das „zufällige“ Zusammentreffen der beiden in Hannover mit den gemeinsamen Schnittpunkten Seesen und Jacobson-Schule korrigierte Ruth Gröne entschieden: „Zufälle gibt es nicht!“
Ihr Vater Erich Kleeberg war 1933 von einem großen Hannoverschen Warenhaus „aus rassischen Gründen“ entlassen worden; in der Folge arbeitete er als Hausmeister. Sie berichtet von ihrer behüteten Kindheit: Die Mutter war evangelisch, aber vor der Hochzeit zum Judentum konvertiert. Und so ging die Tochter am Sabbat mit dem Vater in die Synagoge, durfte unten zwischen den Männern neben ihrem Vater sitzen, und selbstverständlich besuchte sie mit ihren Freundinnen an den Sonntagen den christlichen Kindergottesdienst: „Ich bin zweigleisig aufgewachsen.“ Freundinnen – auch Jungen – kamen gern ins Haus zu dem Mädchen, das eine Eisenbahn und eine Dampfmaschine besaß. „Jüdisch-sein war keineswegs etwas Außergewöhnliches.“
Das änderte sich schlagartig mit der Pogromnacht vom 9. November 1938. Ruth Gröne erinnert sich an „die langen Beine mit den hohen Stiefeln“ und an die Angst der Mutter. Seit der Nacht hatte Ruth keine Spielkameraden mehr. Sie ging ab 1940 auf die Jüdische Schule am Steintor. Von 1941 bis 1945 war ihr auch diese Schule verboten. Die Familie, inzwischen mit den Großeltern zusammen, kam in ein Sammellager, dann in ein sogenanntes „Judenhaus“. Die Großeltern wurden in das Getto Riga deportiert, wo sich ihre Spuren verwischen. „Es war ein Abschied ohne Wiederkehr“. Ruth Gröne wird ganz leise, als sie Erschießungen beschreibt. Die Zeit nach 1942 brachte der Familie Ausbombung und dem Vater Zwangsarbeit und Gestapo-Haft. Ihr Vater schmuggelte in der Schmutzwäsche Briefe (Testament und Abschiedsschreiben) hinaus, ehe er gegen Ende des Krieges mit 9000 weiteren Häftlingen nach Neuengamme, dann über Berlin in langer Irrfahrt bis nach Sandbostel (Kriegsgefangenenlager) gebracht wurde. Dort starb er an Hungertyphus. „Am 7. Mai, dem Tag der Befreiung, hat mein Vater noch gelebt!“ und „Mein Vater ist nicht gestorben, sondern zu Grunde gegangen.“ Ruth Gröne berichtet, äußerlich beherrscht, über die sie aufwühlenden Erinnerungen.
Sie formuliert aus dem Erlebten eine Forderung: „Hüte dich, und bewahre deine Seele gut, dass sie die Geschichte nicht vergisst, die deine Augen gesehen haben und dass sie nicht aus deinem Herzen kommt dein Leben lang, und tue sie deinen Kindern kund. Letztlich hat jeder KZ-Tote – wenn auch nicht juristisch, so doch sittlich – einen persönlich verantwortlichen Mörder.“
Die Schüler fragen unteranderem nach den Verantwortlichkeiten für das Geschehen und sie bekennt: „Kollektivschuld lehne ich ab.“ Und ihren eigenen Standpunkt sieht sie so: „Opa war Preuße! – Israel ist wie nach Hause kommen – aber Deutschland ist meine Heimat.“
Zum Schluss des Gesprächs kommen viele Schüler zur Referentin. Sie sind beeindruckt und danken ihr persönlich durch Handschlag.
Danach ist Ruth Gröne selbst auf Spurensuche. Stefan Bungert führt sie an die Stätten, wo ihr Vater Erich Kleeberg zur Schule ging. Das gedankliche Rekonstruieren des Tempels fordert Imagination, die Höhe entspricht der des Bürgerhauses. Von außen lässt sie sich die innere Struktur des Alumnats erklären, der Bürgersaal vermittelt ein wenig von der Atmosphäre des Speisesaals und das Relief über dem Haupteingang ist Anlass, über die mutwilligen Zerstörungen der jüdischen Wurzeln der Jacobson-Schule zu reden. Ruth Gröne ist eine starke Frau, die sich nicht nur der Erinnerung an ihren Vater verpflichtet fühlt, sondern sich entschieden für Gedenkstättenarbeit einsetzt. Ihr Resümee gegenüber dem Schulleiter: „Eigentlich war der Anlass ja ein trauriger, aber ich bin immer noch erfüllt von dem schönen Tag, den Sie mir bereitet haben.“