Krankenschwester fährt mit 2,69 Promille zur Arbeit

49-Jährige gesteht Krankheit ein und muss für sechs Monate auf den Führerschein verzichten /840 Euro Geldstrafe

Seesen (hz). Eine 49-jährige Krankenschwester, die sich am vergangenen Mittwoch wegen vorsätzlicher Trunkenheit im Straßenverkehr zu verantworten hatte, leidet an einer weit verbreiteten Krankheit: Alkoholismus. Dass sie selber daraus keinen Hehl machte, überraschte sowohl den Vorsitzenden Richter Frank Rüger, als auch die Staatsanwältin. Menschen, die an dieser anerkannten Krankheit leiden, versuchen in der Regel, den Konsum von Alkohol zu vertuschen und gestehen sich selber nicht ein, krank zu sein. Anders die 49-Jährige aus Bad Gandersheim. Sie hat ihr Problem erkannt und befindet sich seit Dezember 2011 in Behandlung. Leider zu spät, denn im November vergangenen Jahres wurde sie von einer Polizeistreife in Seesen angehalten. Zu diesem Zeitpunkt, um 6 Uhr morgens, wies sie einen Alkoholgehalt von 2,69 Promille auf und war eigentlich auf dem Weg zur Arbeit. Noch am selben Tag ließ sich die Krankenschwester in eine Entgiftungsklinik einweisen.
„Doch wie kommt es dazu, dass eine Frau, die mitten im Leben steht, plötzlich anfängt so exessiv zu trinken?“, wollte Rüger von der 49-Jährigen, die sich auf der Anklagebank sichtbar unwohl fühlte, wissen. Grund seien die schlechten Arbeitsbedingungen gewesen. Regelmäßig machte die Krankenschwester, die ihren Beruf seit fast 30 Jahren ausübt, unbezahlte Überstunden. Oft arbeitete sie elf Stunden am Tag – ohne eine Pause machen zu können. Um abends besser „abschalten“ zu können, gab es dann schon mal ein Gläschen Sekt. Während ihrer Arbeitszeit trank die 49-Jährige jedoch nie. Immer nur nach Feierabend. Während ihrer Tätigkeit in Seesen verfiel sie innerhalb von zwei Jahren dem Alkohol und konsumierte bis zu drei Flaschen Wein am Tag.
Im Oktober 2011 kündigte sie schließlich. Durch eine neue Anstellung, ebenfalls in Seesen, fand sie wieder Spaß an ihrem Beruf. „Eigentlich“, so sagte sie, „war jetzt wieder alles gut.“ Doch in diesem Punkt unterschätzte die Angeklagte ihre Krankheit –sie erlitt einen Rückfall und konsumierte mehrere Flaschen Rotwein. Nach einigen Stunden Schlaf setzte sie sich ans Steuer, um zu ihrer neuen Arbeitsstelle zu fahren.
„Ich habe die Situation vollkommen unterschätzt und dachte, ich könnte bereits wieder Autofahren“, erklärte die Krankenschwester vor Gericht.
Durch die direkt im Anschluss erfolgte Entgiftung und die Reha-Maßnahme verlor die 49-Jährigen ihren neuen Job. Und auch wenn ihr die Agentur für Arbeit Hoffnungen bei der Jobsuche macht – „ohne Führerschein werden Sie dabei Probleme bekommen“, erklärte Frank Rüger.
Er verurteilte die Angeklagte zu einer Geldstrafe von 840 Euro und erteilte ihr die vorgeschriebene Mindestsperrfrist von sechs Monaten für den Wiedererhalt der Fahrerlaubnis.