Kumpel als Entlastungszeuge nicht geeignet

26-jähriger Maurer wegen Körperverletzung verurteilt / Das Opfer, seine Verlobte, kann sich an nichts erinnern

Mit lässiger Kleidung, die schon beim Anblick danach schreit den Träger in eine bestimmte Schublade zu stecken, und mit noch lässigerer Attitüde betrat gestern ein 26-jähriger Seesener den Gerichtssaal von Amtsrichter Frank Rüger, um sich vor ihm und dem Staatsanwalt wegen des Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung zu verantworten.
Der Angeklagte war dem Richter kein Unbekannter. Das führte am Ende der Verhandlung sogar dazu, dass der junge Mann das gesprochene Urteil – eine sechsmonatige Freiheitsstrafe, die zu vier Jahren auf Bewährung ausgesetzt wurde – der persönlichen Abneigung des Richters ihm gegenüber zuschrieb. Er wird in Berufung gehen.
Dem arbeitslosen Maurer wurde von der Staatsanwaltschaft zu Last gelegt, seine 23-jährige Freundin, die seit etwa acht Wochen seine Verlobte ist, am 26. März dieses Jahres zu Boden geworfen zu haben und sie dann mit Tritten in den Oberkörper malträtiert zu haben.
In seiner Aussage gab der 26-Jährige zu, seine Freundin an dem besagten Abend in Folge einer verbalen Auseinandersetzung geschubst zu haben. Daraufhin sei sie auch auf den Boden gefallen. Tritte gegen den Oberkörper habe er jedoch nicht ausgeführt.
Eine Version der Geschichte, die auch sein 22-jähriger Kumpel, der als Zeuge vor Gericht auftrat, bestätigte. Am besagten Abend habe man zunächst ein wenig Wodka getrunken. Danach sei es zu einer kleinen Auseinandersetzung gekommen, da die Freundin des Angeklagten auf Alkohol abgehe wie ein „Tasmanischer Teufel“; aber den vom Staatsanwalt geschilderten Tathergang habe es in dieser Form nicht gegeben.
Auch die Verlobte und gleichzeitig vermeintliches Opfer des Angeklagten, wollte nichts von Tritten in den Oberkörper wissen. Sie nahm ihren zukünftigen Ehemann mit den Worten in Schutz: „Ich kann mich an nichts mehr erinnern, da ich mindestens eine Flasche Wodka getrunken hatte und ihn wahrscheinlich massiv provoziert habe.“
Erst die Zeugenaussagen der Nachbarn, einem 26-jährigen selbständigen Honorarberater aus Seesen und seiner 23-jährigen Lebensgefährtin, brachten ein wenig Licht ins Dunkel und erhärteten zumindest den Vorwurf der Körperverletzung. Die beiden Zeugen, die nicht dem sozialen Umfeld des Angeklagten zugerechnet werden können, schilderten den Verlauf der Streiterei drastischer – aber dennoch objektiv.
Das Paar lag zum Zeitpunkt der Streitigkeiten im Bett und verfolgte eine Sendung im Fernsehen. Als es in der Wohnung über ihnen lauter wurde, dachten sie sich zunächst nichts dabei, da sie mit derlei Kapriolen ihres Nachbarn bestens vertraut sind.
Erst als sie im Innenhof des Wohnhauses Schreie vernahmen gingen sie ans Fenster und beobachteten, wie der Angeklagte seine Freundin mit Fußtritten bearbeitete, und diese rief „Hör auf, bitte hör auf.“ In ihren Aussagen ließen die beiden Zeugen keine Zweifel daran, dass es sich bei dem Täter um den 26-jährigen Angeklagten handelte.
Dieser fiel während der Vernehmung seiner Nachbarn vor allem durch unpassende Zwischenrufe und eine sehr gereizte Stimmung auf.
Bereits der Staatsanwalt machte in seinem Plädoyer deutlich, dass es keinen Zweifel an der Glaubwürdigkeit des jungen Nachbarpaares gäbe. Auch Richter Rüger schenkte dem Honorarberater und seiner Freundin mehr Glauben. Die Aussagen der Verlobten und des Kumpels eigneten sich nach Aussage des Richters nicht wirklich zur Entlastung, da diese den Anschein erweckten, reine Gefälligkeitsaussagen zu sein.
In seinem Urteil folgte Rüger fast der Forderung der Staatsanwalt. Er verurteilte den jungen Mann zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten, die auf vier Jahre zur Bewährung ausgesetzt sind. Darüber hinaus verdonnerte der Richter den Angeklagten zu 120 Arbeitsstunden.