Kunst im Dienst der Wirklichkeit

Goslarer Kaiserring 2014 geht an Wiebke Siem

Oberbürgermeister Dr. Oliver Junk überreichte heute Mittag der in Berlin lebenden Künstlerin Wiebke Siem in der historischen Kaiserpfalz den Kaiserring der Stadt Goslar, einen der renommiertesten Kunstpreise unserer Zeit. Junk wies in seiner Festrede darauf hin, dass die Verleihung des Kaiserringes an Wiebke Siem für die Stadt Goslar eine große Ehre darstelle. „Die Verbindung von Vergangenheit und Zukunft ist nicht nur ein wunderbares Sinnbild für das Werk der Künstlerin, sondern auch für den Kaiserring und für die Stadt Goslar“, sagte Junk. Der Kaiserring sei eine starke Marke unserer Stadt, so Junk weiter.
In ihren Dankesworten freute sich Wiebke Siem, dass ihre jahrzehntelange Arbeit mit dem Kaiserring nun noch stärker in die Öffentlichkeit rücke. „Ich danke der Stadt Goslar und den Juroren für diese späte Würdigung meines Lebenswerkes. Ich bin sehr glücklich und hoffe, dass nun vielleicht in der Öffentlichkeit eine wirkliche Auseinandersetzung mit meiner künstlerischen Arbeit einsetzt. Die Kunstwelt kann sehr oberflächlich sein, mehr als der normale Bürger ahnt" sagte die Künstlerin.
Die Niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur, Gabriele Heinen-Kljajić, begrüßte, dass die Jury auch weniger bekannte Künstlerinnen und Künstler mit dem Kaiserring auszeichnet. „Mit Wiebke Siem wird eine Künstlerin geehrt, deren konsequente Werkentwicklung große Anerkennung in der Kunstwelt findet“, sagte die Ministerin.
Penelope Curtis, Direktorin der Tate Britain, London, würdigte Siem in ihrer Laudatio: „Ihr Werk kommt aus der Wirklichkeit und ist eng mit ihr verbunden. Das heißt aber nicht, dass es nicht gleichzeitig von dieser merkwürdigen Sache handelt, die wir die Welt der Kunst nennen. Wiebke Siems Kunstsprache steht stets im Dienst der Wirklichkeit. … Siems Werk ist eine weitere, zutiefst menschliche, zutiefst persönliche und sehr feine Antwort auf Verlust. … Sie nimmt die fragmentarischen Erzählungen unserer Eltern und Großeltern auf, und tut das mit einer Bildersprache, die vollkommen neu ist, vollkommen persönlich und vollkommen artifiziell. Sie ist wach, ja bewegt, und man vergisst sie nicht. Das ist wahre Kunst von einer wahren Künstlerin.“
Das Mönchehaus Museum Goslar zeigt vom 11. Oktober 2014 bis zum 18. Januar 2015 die mit dem Preis verbundene Ausstellung „Wiebke Siem – Werke von 1999 bis 2014“. Sie zeigt eine Werkübersicht der Künstlerin von 1999 bis heute mit zwei Rauminstallationen, rund 15 Skulpturen und zahlreichen Zeichnungen aus den Jahren 2006 bis 2010. In ihren Arbeiten setzt sich Wiebke Siem mit hintersinnigem Witz mit den Traditionen der Moderne und einer vorwiegend aus männlicher Perspektive geschriebenen Kunstgeschichte auseinander. Die Kraft liegt darin, dass sie unterschiedliche Sprachen mischt: das Vertraute und das Unvertraute, das Bekannte und das Unbekannte.
Die für das Mönchehaus ausgewählten Arbeiten fügen sich in die räumlichen Gegebenheiten des Gebäudes von 1523 ein, zwei Rauminstallationen werden in historischen Stuben platziert und große textile Skulpturen sowie eine Gruppe von Bauernmöbeln treten in den Dialog mit der schweren Balkenkonstruktion der Decken.