Kunstreise ins preußische Arkadien oder: Potsdam einmal anders

Auch Schloss Charlottenhof stand auf dem Besichtigungsprogramm.
 
Kleines Konzert mit Martin Weller (links) vor der Orangerie.

Verein Konzerte an St. Andreas unternahm dreitägigen Ausflug / Moskauer Klaviertrio konzertiert am 24. Oktober in Seesen

Seesen (bo). Bereits zum vierten Mal veranstaltete der Verein Konzerte an St. Andreas in Seesen eine Reise für kunst- und musikbegeisterte Mitglieder und Nichtmitglieder, deren Ziel in diesem Jahr Potsdam war. Dort gilt zur Zeit alle Aufmerksamkeit dem „großen“ Friedrich, doch die der Gruppe sollte dem nachfrederizianischen Potsdam gelten.
Voller Vorfreude bestiegen die 36 Teilnehmer in Seesen den Bus, um unter der bewährten Leitung von Martin Weller die Region um die Hauptstadt Brandenburgs zu erkunden. Bereits auf der Hinfahrt lauschte man Wellers interessanter und humorvoller Einführung in die Geschichte Preußens, von der Zeit des Klassizismus’ bis etwa zum 1. Weltkrieg sowie seinen Hinweisen auf die Architektur und Gartenbaukunst.
Zu Fuß durch den Park oder mit dem Bus gelangten die Seesener am frühen Nachmittag zum ersten Besichtigungsziel, dem klassizistischen Schloss Charlottenhof, gelegen im dazugehörigen englischen Landschaftspark, einem Teil des Parks Sanssouci. Dieses einstöckige, nur zehn Räume umfassende Sommerschloss des Kronprinzen Friedrich Wilhelm IV., von Karl Friedrich Schinkel erbaut (den Garten gestaltete Peter Joseph Lenné), begeisterte mit seinem südländischen Charme.
Nach einer Pause im Hotel brachte der Bus die Teilnehmer ins Holländische Viertel; ein Rundgang sowie das Abendessen schlossen sich an. Danach fuhren die Seesener, ausgerüstet mit wärmeren Jacken und Decken, zur Seebühne im Strandbad Wannsee, wo sie eine beeindruckende Aufführung der Oper Carmen in der Regie von Volker Schlöndorff erwartete. Vom Parkett aus konnte man das Geschehen auf der Bühne mit dem riesigen schwarzen Spitzenfächer als Abschluss sehr gut verfolgen, wozu vor allem die hervorragenden Interpreten sowie das ausgezeichnete Orchester beitrugen; die hereinbrechende Nacht verstärkte dabei noch den malerischen Eindruck bei der Schmugglerszene mit flackerndem Feuer – ein großartiger Abschluss des ersten Reisetages!
Ein kurzer Fußweg vom Hotel aus führte am folgenden Samstagmorgen durch das kunstvoll gearbeitete Grüne Gitter zu dem italienisch wirkenden Komplex der Friedenskirche im Park Sanssouci mit ihrem hohen Glockenturm, dem Kreuzgang und dem Atrium, in welchem die Gruppe eine ganz besondere Überraschung erwartete: zwei Musikerinnen und zwei Musiker spielten unter Leitung von Martin Weller ein kleines Konzert.
Im Inneren der Kirche, die von Friedrich Wilhelm IV. in Auftrag gegeben und von Ludwig Persius 1845 nach dem Vorbild von San Clemente in Rom entworfen wurde, erläuterte Martin Weller einige ihrer Kostbarkeiten, zum Beispiel das einzigartige original venezianische Apsismosaik.
Auch das nächste Ziel verdankten die Seesener der Italiensehnsucht Friedrich Wilhelms IV., das Orangerie-schloss, mit dessen Planung wiederum Ludwig Persius beauftragt wurde. Der zweigeschossige Mittelbau mit seiner Doppelturmanlage ähnelt der Villa Medici in Rom, während die Eckpavillons die Uffizien in Florenz zum Vorbild haben. Zunächst genoss man aber in hervorragender Akustik ein weiteres Konzert vor dem Schloss im Arkadenumgang und viele hätten wohl noch lange zuhören können. Einen besonderen Eindruck hat zudem der weite Blick von der obersten Terrasse auf den Park und die Stadt hinterlassen, aber auch der berühmte Raffaelsaal, in welchem über 50 Kopien von Gemälden dieses im 19. Jahrhundert sehr beliebten Künstlers hängen.
Im Neuen Garten unmittelbar am Heiligen See steht ein weiteres Highlight Potsdams: das erst kürzlich renovierte Marmorpalais. Vor der Besichtigung dieser Sommerresidenz König Friedrich Wilhelms II. konzertierten im Säulengang die Seesener Musiker mit Martin Weller und riefen eine geradezu arkadische Stimmung hervor: bei herrlichem Sommerwetter saßen die Mitreisenden auf Stufen, in Nischen oder lehnten an Säulen und lauschten den bezaubernden Klängen.
Nach einem Streifzug durch die Außenanlagen ging es zurück zum Bus und ins Hotel, bevor man am Abend ein Schiff der Weißen Flotte Potsdam bestieg, mit dem die Gruppe über die Havelseen Tiefer See, Glienicker See und Jungfernsee, vorbei an illuminierten Schlössern – unter anderem Schloss Babelsberg, Schloss Glienicke und Schloss Cecilienhof – bis zur Pfaueninsel fuhr. Erläuterungen zu allen Sehenswürdigkeiten begleiteten die Fahrt und das Abendessen. Später an Deck, in milder von Vollmond erhellter Nacht, lauschten alle einem Bläserensemble, das in dem von Fackeln erhellten Säulenumgang der Heilandskirche von Sacrow spielte. Ein Konzert mit Positionswechseln vom Wasser aus, bescherte ein völlig neues und wunderbares Hörerlebnis.
Nach einem etwas späteren Frühstück begann der wiederum sonnige dritte Reisetag mit einem Sonntagsspaziergang durch die Berliner Vorstadt zwischen Heiligem und Tiefem See. Martin Wellers kenntnisreiche und begeisternde Führung ließ die Seesener die schönsten Villen aus der Gründerzeit entdecken und in ihrer Geschichte und den Baustilen, die unterschiedlichen architektonischen Richtungen entlehnt wurden, verstehen.
Das letzte Schloss auf dieser Reise, das die Vorharzer mit seinem Park besichtigten, war Schloss Glienicke von südlich-ländlichem Charakter, ein Gesamtkunstwerk von Schinkel und Lenné. Die Fontaine mit den beiden goldenen Löwen, die Große und Kleine Neugierde, der intime Schlosshof mit seinem Laubengang und noch unzählige weitere Einzelheiten riefen uneingeschränkte Begeisterung hervor.
Krönender Abschluss der Fahrt war der Besuch der Pfaueninsel, deren Ruinenschloss zwar nicht zu besichtigen war, die jedoch bei individuell gestalteten Rundgängen so viele Eindrücke bot, dass alle glücklich und zufrieden zur letzten Stärkung vor der Heimreise im Gartenlokal zusammen kamen. In seiner Dankesrede an die Reiseleitung betonte der Vorsitzende Werner Heindorf, dass gerade diese Form der Kunstvermittlung dem Verein das besondere Profil verleiht. Die unvergessliche Fahrt endete am Sonntagabend in Seesen.

Moskauer Klaviertrio in St. Andreas-Kirche

Aktuell steht das vierte Konzert auf dem Programm von Konzerte an St. Andreas. Am 24. Oktober konzertiert das Moskauer Klaviertrio in der St.-Andreas-Kirche, das im Rahmen des Deutsch-Russischen Kulturaustausches in Seesen zu Gast sein wird. Nach der Eröffnung der Fitzenhagen-Ausstellung im Städtischen Museum und dem großartigen September-Konzert mit dem jungen russischen Cellisten Anton Pavlovsky wird die erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Moskauer Konservatorium und den Moskauer Museen so fortgesetzt.
Karten für dieses besondere Konzert sind erhältlich in der Geschäftsstelle des Seesener „Beobachter“, Lautenthaler Straße 3, über reservix.de, in allen bekannten Vorverkaufsstellen sowie im Büro von Konzerte an St. Andreas (mittwochs 9 bis 13 Uhr).