Ladendieb entpuppt sich als echter Wadenbeißer

Seesener (29) muss für weitere sieben Monate hinter Gitter /„Sie haben Ihr Leben an die Wand gefahren!“

Würde sein Lebenslauf so viele Seiten umfassen, wie sein Vorstrafenregister, könnte sich der 29-jährige Seesener wohl um einiges glücklicher schätzen. Der am gestrigen Mittwoch wegen Diebstahl geringwertiger Sachen in Tateinheit mit Hausfriedensbruch und Beleidigung in Tatmehrheit mit Körperverletzung zu weiteren sieben Monaten Haft verurteilte Seesener kann jedoch keinen vorzeigenswerten Lebenslauf vorweisen.
Mit zwölf Jahren kam er gemeinsam mit seinen Eltern aus Kasachstan nach Seesen, mit 16 Jahren konsumierte er regelmäßig Haschisch und lehnte drei vielversprechende Lehrstellen ab. Eine Ausbildungsstelle als Maler und Lackierer scheiterte aufgrund der Drogenabhängigkeit. Mit 21 Jahren stieg der Angeklagte auf Heroin um – weitere vier Jahre vergingen, bis er sich einer Therapie unterzog. Mit mittelmäßigem Erfolg:Für ein Jahr lang blieb der heute 29-Jährige clean. Inzwischen konsumiert er wieder regelmäßig Haschisch. Immerhin, vom Heroin hat er sich distanziert.
In seinem Registerauszug häufen sich die Vorstrafen. Erstmals 1998 in Erscheinung getreten, geht es immer wieder um Diebstahl, Körperverletzung oder unerlaubtes Handel­treiben mit Betäubungsmitteln. Die letzte Bewährungsstrafe hatte der Seesener jedoch nicht mehr durchgestanden. Nach zwei Bewährungsgesprächen, in denen Richter Frank Rüger wie mit Engelszungen zu dem Seesener sprach, widerrief der Strafrichter schließlich die Bewährung, weil die Auflagen nicht erfüllt wurden. Seit Mai 2012 sitzt der 29-Jährige in der Justizvollzugsanstalt. Bis zur gestrigen Verhandlung hätte er seine Haftstrafe bis Ende Dezember verbüßt, nach dem Urteilsspruch am Mittwoch wird er seine Zelle für weitere sieben Monate bewohnen.
Zu verantworten hatte sich der 29-Jährige am gestrigen Mittwoch wegen Hausfriedensbruch, Diebstahl, Beleidigung und Körperverletzung. Im September vergangenen Jahres betrat der Angeklagte trotz bestehendes Hausverbotes den Marktkauf in Seesen. Hier legte er zwei Päckchen Tabak in den Einkaufskorb, ging zielstrebig in die Abteilung für Tierbedarf, ließ den Tabak in der Jackentasche verschwinden und zahlte an der Kasse lediglich zwei Dosen Katzenfutter. Der Ladendetektiv beobachtete diesen Vorgang und bat den Dieb, ihm in sein Büro zu folgen. Auf dem Weg dorthin stieß der Hausmeister und Sicherheitsbeauftragte dazu und folgte ins Büro. Erst hier wurde der Angeklagte aggressiv. Zunächst erzählte er wirres Zeug und beleidigte und bedrohte die beiden Sicherheitskräfte. Erst als der 29-Jährige unerwartet aufstand und auf den Detektiv zugehen wollte, griff dieser rechtzeitig ein und fixierte den widerspenstigen Langfinger auf dem Boden. Sein beherztes Eingreifen bleib allerdings nicht ohne Folgen: Mit einem kräftigen Biss ins Bein des Ladendetektives versuchte sich der Angeklagte zur Wehr zu setzen. Ohne Erfolg. Die Bissspuren waren allerdings noch Wochen nach dem Vorfall zu sehen.
Der Angeklagte selber sah sich in der Rolle des Opfers. Zwar habe er den Tabak versucht zu stehlen, keinesfalls aber sei er gegenüber dem Personal aggresiv geworden. Sein Rechtsanwalt war zu der gestrigen Hauptverhandlung übrigens nicht erschienen. Nie habe er sich einen Anwalt genommen – immer habe er die Schuld auf sich genommen und sein Fehlverhalten eingestanden. Aber in diesem Fall wollte der Seesener nichts eingestehen, zumindest was den Vorwurf der Körperverletzung betraf.
Der Vorsitzende Richter Frank Rüger hatte keinen Zweifel, dass sich der Vorfall wie von den beiden Zeugen geschildert ereignet hat. „Sie haben Ihr Leben an die Wand gefahren!“, so Rüger abschlie­ßend.