Landesbischof besuchte nicht nur die Propstei, sondern auch die Gemeinde

   

In Runde zwei lag der Fokus auf der Kirchengemeinde St. Vitus und St. Andreas

Nach dem Halbmarathon zu Beginn der Visitation, bei der Landesbischof Dr. Friedrich Weber gemeinsam mit seiner Referentin, Pfarrerin Cornelia Götz, die Vielfalt des kirchlichen Lebens in der Propstei Seesen wahrgenommen hatte, lag der Fokus in Runde zwei auf der Kirchengemeinde St. Vitus und St. Andreas.

Seesen (JK). Zunächst stand nach der Morgenandacht eine Begegnung mit den Religionslehrern und Rektorinnen der Haupt- und Realschule im Schulzentrum auf dem Programm. Das von einer sehr angenehmen Atmosphäre geprägte Fachgespräch, bei dem es zunächst um allgemeine Fragen der Unterrichtsversorgung ging, gipfelte nach rund einer Stunde in dem Wunsch seitens der Lehrerschaft, eine alte, aber leider verloren gegangene Tradition wieder aufleben zu lassen: einmal pro Jahr eine religionspädagogische Arbeitskonferenz abzuhalten, bei der Kirche und Schule auf Augenhöhe an einem Tisch sitzen.
Die nächste Station des bischöflichen Besuchs bildete eine Begegnung mit der Redaktion des Seesener „Beobachter“. Nachdem Geschäftsführer Dietmar Kelm das Blatt und seine 135-jährige Geschichte kurz und anschaulich dargestellt hatte, übernahmen Maximilian Strache und Ulrich Kiehne aus der „Beobachter“-Redaktion das Pressegespräch. Sie befragten den Landesbischof nach aktuellen kirchlichen und gesellschaftlichen Themen wie etwa den Entwicklungslinien in der Kirchenmitgliedschaft, der Bedeutung einer Propstei für das kirchliche Leben, den Perspektiven der Stiftung „Kirche in unserer Zeit“ sowie der Frage, ob und wie sich Kirche in politischen Fragen zu Wort melden sollte. Nachdem der Bischof diesen wichtigen Fragen fundierte Antworten gegenübergestellt hatte, resümierte er, dass sich Kirche überall dort spürbar bemerkbar machen soll, wo es um Themen geht, die das Leben bedrohen. So etwa zum Thema Armut in Deutschland. Hier sei durch das Diakonische Werk bereits eine grundsolide Studie in Arbeit, die gemeinsam mit Betroffenen für eine akribische Aufarbeitung und anschließenden Stellungnahme sorge.
Nach der Mittagspause fuhr der Bischof gemeinsam mit dem Propsteivorstand nach Herrhausen. Als Nachschlag zur Propsteivisitation wollte der Propsteivorstand dem Bischof ein gelungenes Beispiel für die Neuorientierung hinsichtlich kirchlicher Gebäude präsentieren. Derzeit wird nämlich in der ganzen Landeskirche darüber nachgedacht, welche Gebäude für das kirchliche Leben unverzichtbar und welche gegebenenfalls ohne Schaden veräußerbar sind. Davon sind natürlich die Kirchen selbst ausgenommen, da sie durch die große landeskirchliche Bau-Pflege-Stiftung auf Dauer abgesichert sind. In Herrhausen hatte sich der Kirchenvorstand im vergangenen Jahr von dem Pfarrzentrum getrennt und kurzerhand ein Pfarrhaus angemietet. Dadurch spart die Kirchengemeinde sehr viel Geld und kann die freigewordenen Finanzmittel direkt in die kirchliche Arbeit einfließen lassen. Die Familie, die das „alte“ Pfarrzentrum gekauft hat, war natürlich gern bereit, ihre Privaträume, die sie derzeit in Eigenleistung hervorragend und äußerst ansprechend herrichten, zu präsentieren. Im neuen, angemieteten Pfarrhaus beglückwünschte der Bischof den Kirchenvorstand für diesen wegweisenden, richtigen Schritt bei einer Tasse Kaffee.
Im Seesener Rathaus erwarteten Bürgermeister Jahns und der Erste Stadtrat Homann bereits die Delegation, um sich zum Thema der Stadtentwicklung auszutauschen.
Danach ging es dann kirchenintern weiter. Die hauptamtlich Mitarbeitenden der Kirchengemeinde tagten im Kirchenzentrum gemeinsam mit dem Bischof zum Thema „Standortbestimmungen und Perspektiven“.
Am frühen Nachmittag trat dann eine Perspektive in den Blick, die – so der Bischof – bei anderen Visitationen leider fast immer zu kurz kommen: die der Ökumene vor Ort. Daher zeigte er sich sehr erfreut, dass dies in Seesen ganz anders ist. Unter dem Arbeitstitel „Ökumene vor Ort“ trafen sich die Verantwortlichen der römisch-katholischen Kirchengemeinde und der Kirchenvorstand der evangelischen Kirchengemeinde in den Räumlichkeiten der katholischen Mitchristen. Dass dabei eine ausgesprochen feine Stimmung herrschte, kommt nicht von ungefähr. Schließlich hatten die Katholiken während der Renovierung ihrer Kirche regelmäßig die St.-Andreas-Kirche für ihre Messen genutzt.
An dieses Gespräch schloss sich die praktische Form von Ökumene vor Ort an. Wie kann das besser gelebt werden als durch die Feier eines gemeinsamen Gottesdienstes! Um 18 Uhr fand dieser sehr gut besuchte Gottesdienst in der Maria-Königin-Kirche statt. Die Predigt hielt Pfarrer Karp unter besonderer Berücksichtigung der Einheit der Kirche. Die beiden Diakone brachten sich ebenfalls aktiv ein. Der Liturgiekreis der evangelischen Gemeinde hatte zuvor den Gottesdienst kreativ vorbereitet. Der Landesbischof griff in seiner Grußadresse das Thema der Einheit auf und bestärkte all diejenigen, die sich das gute, nachbarschaftliche Miteinander aller Getauften auf die Fahne geschrieben haben. Unter diesem Aspekt erteilte er zum Schluss dann auch der Gemeinde seinen Segen. Ein Bild, das es so in Seesen noch nie gegen haben dürfte. Daher war es auch nachvollziehbar, dass viele Gläubige sichtlich gerührt waren.
Der Samstag kam nach der Morgenandacht zunächst scheinbar hölzern daher, galt es doch, zunächst einmal Zahlen, Fakten und Finanzen in den Blick zu nehmen. Ein Eindruck, der nicht lange anhalten sollte. Denn der Bischof nahm Einsicht in die absolut beispielhaft geführten Seesener Kirchenbücher sowie – gemeinsam mit örtlichem Kirchenvorstand und Finanzausschuss – in die gegenwärtige Haushaltslage. Diese erweist sich dank sparsamer und umsichtiger Haushaltsführung als stabil und zukunftsfähig.
Im zweiten Gesprächsgang versammelten sich die Ehrenamtlichen aller Arbeitsbereiche, um dem Bischof einen Überblick über das außerordentlich breit gefächerte Spektrum der gemeindlichen Arbeit zu geben. Dabei traten insbesondere der Gottesdienst, die Frauenhilfe, der Konfirmandenunterricht, die Kirchenmusik, die Hospiz-Arbeit und nicht zuletzt auch das Sehusa-Fest in den Blick.
Nach der Mittagspause, die im Altenzentrum St. Vitus abgehalten wurde, stellte Propst Gleicher gemeinsam mit Pastor i. R. Hoppe das vorbildlich aufgestellte Haus vor. Der Bischof verschaffte sich dadurch einen detaillierten Überblick über die hohe Qualität und Professionalität der Einrichtung, bei der nicht zuletzt dank der hervorragenden seelsorgerlichen Betreuung – namentlich durch Kurt Hoppe – sowie die Freundlichkeit der Mitarbeitenden die Mitmenschlichkeit an erster Stelle steht.
Schon um 10.30 Uhr am Sonnabend traf sich auf Einladung durch Propstei-Jugendwart Udo Salzbrunn die Vollversammlung des Propsteijugendrings im Gemeindehaus Langelsheim. Das Jahr 2010 wurde ausgewertet und mit insgesamt fast 40 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wurde das Jahr 2011 geplant. Es wurde ein umfangreiches Programm mit vielen Treffen, Seminaren und Freizeiten. Neu im nächsten Jahr wird eine Kurzfahrt nach Rom und eine Herbstfreizeit auf die Insel Rügen sein.
Der anschließende Jugendgottesdienst und das Gespräch mit Bischof Weber rundeten den sehr intensiven Samstagnachmittag ab. Der Landesbischof bekräftigte erneut seine Wahrnehmung: Dank der hohen Qualität der Arbeit der für die Jugendarbeit Verantwortlichen, gepaart mit deren langjährigen Präsenz in der Propstei, hat dafür gesorgt, dass die kirchliche Jugendarbeit eine große Akzeptanz in der Öffentlichkeit genießt.