Landwirte machen mobil gegen 380-kV-Leitung

„Da sollen die Monstermasten hin!“ Ralf Greune (2. von links) zeigt seinen Berufsstandskollegen Gerd Kolle (links), Harald Wagenschieber und Jürgen Hirschfeld, wie dicht die geplante 380-kV-Leitung seinen Hof nahe Bilderlahe tangieren würde.

Zweifel am Sinn der Trasse formuliert – Suche nach alternativen Konzepten gefordert – Widerstand angekündigt

Die Landwirte der Region sind in Aufruhr. Sie ärgert es wahnsinnig, dass ihre Flächen von der 380-KV-Trasse von Mecklar nach Wahle in Hessen betroffen sein könnten und möchten selber entscheiden, was auf ihren Felderm passiert – vor allem weil es bei dem Trassenbau um rein privat-wirtschaftliche Interessen und nicht um das Gemeinwohl geht. Die Belastungen für die Landwirtschaft seien erheblich.

Spät kommt er zwar, der öffentliche Aufruhr in der Landwirtschaft, aber er kommt. Und die Bauern sind „stinksauer“, wie Jürgen Hirschfeld es ausdrückt. Gemeinsam mit seinen Berufsstandskollegen Ralf Greune (Engelade), Harald Wagenschieber (Bornhausen) und Gerd Kolle (Engelade) hat er sich an den „Beobachter“ gewandt, um die Dinge aus Sicht der Landwirte einmal öffentlich darzustellen.
„Gegen diese „veraltete Technik, die da über unser Land kommen soll, setzen wir uns mit allen Mitteln Wehr“, sagt Ralf Greune. Massiver Widerstand sei zu erwarten. Dabei geht es den Landwirten gar nicht mal vordergründig um die Frage einer Erdverkabelung versus Freileitung, denn beides sei für sie nicht akzeptabel. Auch ein Erdkabel sei ein massiver Eingriff in die Landwirtschaft.
Grundtenor: Es ist extrem beunruhigend, mit welcher Leichtfertigkeit die landwirtschaftlichen Flächen so einfach fremdverplant werden. Und was ist die Alternative? Nun, die Landwirte zweifeln massiv am Sinn der geplanten 380-kV-Leitung und wollen diese mit allen Mitteln verhindern.
Die Energieversorgung müsse dezentralisiert werden, Ansätze gebe es genug, findet Harald Wagenschieber. Es gelte, neue Energiekonzepte zu entwickeln. Der Stromverlust bei der geplanten 380-kV-Leitung ist durch die Technik von vor Jahrzehnten einfach nicht hinnehmbar.
Auch der Naturschutz sei plötzlich nicht mehr wichtig. Aber nicht nur die ökologischen Konsequenzen des Projekts sind immens, auch die wirtschaftliche Entwicklung werde eingeengt. Jede der fünf Planungsvarianten blockiere bereits heute Baupläne unter anderem für Biogasanlagen oder Ställe. Die Landwirte sehen nicht ein „dass der Strom auf unsere Kosten nach Hessen transportiert wird“.
Unterstützt werden die Landwirte vom Landvolkbezirksverband Braunschweig. Als Träger öffentlicher Belange arbeitet das Landvolk eng mit der Landwirtschaftskammer Niedersachsen zusammen und hat Planungsunterlagen zum Raumordnungsverfahren ebenfalls bekommen. Bis Ende August haben die landwirtschaftlichen Interessenvertreter nun Zeit, ihre Bedenken zu äußern.
Als überregionaler Verband können dieser natürlich nichts zur Trassenführung sagen. Schließlich will kein Landwirt die Strommasten auf seinem Acker stehen haben. Es wurden aber bereits alle motiviert, selber Stellungnahmen abzugeben. Dies ist möglich, weil es sich um ein offenes Verfahren handele. Um den Landwirten dabei Hilfestellung zu geben, hat das Landvolk bisher mehrere Informationsveranstaltungen organisiert und ist ständig im Dialog mit den Mitgliedern.
Zusätzlich kann eine Argumentationshilfe von der Internetseite www.landvolk.braunschweig.de heruntergeladen werden. Darin wird vor allem der Eingriff in die Agrarstruktur angeprangert. „Außerdem wird die Landtechnik von dem Magnetfeld beeinflusst“, glauben die Landwirte. Welche Auswirkungen der Elektrosmog auf die Maschinen habe, wird vom von-Thünen-Institut derzeit geprüft. Gerade Rübenroder oder Mähdrescher seien aufgrund ihrer Elektrotechnik anfällig – ganz zu schweigen von der Gesundheit der Landwirte, die sich häufig unter den Leitungen aufhalten müssen. S
„Ich bin richtig stinkig, weil mit den Grundeigentümern noch nicht gesprochen wurde“, erklärte Jürgen Hirschfeld, Vorsitzender des Landvolk Bezirksverbandes Braunschweig. Er sieht es nicht ein, dass der ländliche Raum als Risikolagerraum der Städte herhalten muss. „Egal ob das Atommüll, CO2-Speicher oder Trassen für Stromleitungen sind!“, nennt er einige Beispiele. Hirschfeld fordert einen Transport des Stroms per Gleichstromtechnik im Standstreifen der Autobahn. Die A7 und A39 seihen dafür hervorragend geeignet und technisch machbar sei das allema.
Dazu wären seiner Meinung nach keine großen Baumaßnahmen nötig und die Leitung läge auf bundeseigenem Grund und Boden. Der Nachteil: Städte wie Göttingen oder Kassel könnten nicht mit dem Strom versorgt werden, weil die Umwandlung in Wechselstromtechnik sehr teuer ist. „Das lohnt sich erst wieder für große Zentren wie Frankfurt“, erläutert Hirschfeld, die für die ländliche Region am besten geeignete Version.
Sobald entschieden ist, wo die Trasse lang laufen soll, kommen die nächsten Herausforderungen auf die betroffeneen Landwirte zu. Denn mit dem Planfeststellungsverfahren wird auch die Diskussion um Kompensationsflächen beginnen.
Die Landwirtschaft stehe zudem für eine dezentrale Strom- und Wärmeversorgung, verdeutlicht das Quartett während des Vor-Ort-Termins mit dem „Beobachter“ und stellt damit das Projekt der 380-KV-Leitung grundsätzlich in Frage: „Ist es wirklich sinnvoll, Strom von einem Kohlekraftwerk in Hamburg quer durch die Republik zu transportieren?“
Mit den Bürgerinitiativen habe man zwar noch nicht gesprochen, aber man habe keine Berührungsängste, so Hirschfeld.
Ralf Greune ärgert zudem noch etwas anderes: Auf seinemAussiedlerbauernhof nahe Bilderlahe betragen die Muss-Abstände gerade einmal 200 Meter, für Dörfer gelten Abstandsregelungen von 400 Metern. „Da wird man zum Mensch 2. Klasse degradiert!“