„Lass uns erkennen, dass wir Brüder sind“

 

Feierstunde zur 200. Wiederkehr der Tempelweihe im Jacobson-Gymnasium Seesen

Die Klasse 5 f des Gymnasiums unter der Leitung von Silke Gernhöfer eröffnete in der Seesener Aula mit der alten Schulhymne der Jacobson-Schule – „Brüder, reicht die Hand zum Bunde“ – ganz im Sinne des Stifters die Feierstunde zum 200. Tempel-Jubiläum. Die Schülerinnen und Schüler des 10. bis 13. Jahrgangs waren eingeladen, teilzunehmen.

Seesen (jf). Hubert Jahns begrüßte als Bürgermeister die Anwesenden und betonte, wie passend der Ort, aber auch gerade die Beteiligung der Schüler an der Feierstunde sei, wo durch Auszüge aus Jacobsons Rede von 1810 und durch die musikalischen Teile nicht nur die Einweihungsfeier des Jacobstempels, sondern auch der Geist der damaligen Zeit nachempfunden werden könne. „Hier in Seesen ist eine Erinnerungskultur entstanden“, so Jahns, die das Vermächtnis des Stifters um Toleranz, Miteinander und Füreinander pflege.
Klara Nußbaum, Seynep Akca und Vithuna Chandramanoharan (drei Schülerinnen der 9. bzw. 10. Klasse) rezitierten Israel Jacobson, das, was er vor 200 Jahren zu seinem Tempelbau sagte und wie er für „beide Parteien, die jüdische und die christliche“ Annäherung schon in Jugendzeiten forderte. Die Schülerinnen wendeten sich mit den Worten Jacobsons „An die jüdischen Zuhörer“ und „An die christlichen Zuhörer“. Danach waren die Überbringer der Grußworte gefordert, auf Jacobson zu reagieren.
Landesrabbiner Jonah Sievers überbrachte Grüße der Jüdischen Gemeinden, in Besonderem seiner Braunschweiger. Israel Jacobson sei der erste, der Judentum und Moderne „versöhnt“ habe. Seine große Leistung liege in der Erneuerung des jüdischen Gottesdienstes; Sievers wies aber auch auf kritische Stimmen am Ende des 19. Jahrhunderts hin, die eine „Überanpassung“ beklagt hätten. Christlich-jüdische Gespräche würden wesentlich erst nach der Shoa gepflegt und hierin sei das Jacobson-Gymnasium vorbildlich. Das seien Beiträge zur Verständigung und das „Haben wir nicht alle einen Vater“ wäre dann „überflüssig“.
Auch Rabbiner Gabor Lengyel von der liberalen Jüdischen Gemeinde in Hannover wies auf die große Bedeutung Jacobsons hin: Nicht ohne Grund trüge die neu errichtete Jüdische Bibliothek seinen Namen. Lengyel sprach über dessen „Traum, der in der Tragödie“ geendet habe. Er selbst, orthodox erzogen, habe schließlich am „liberalen“ Abraham Geiger Kolleg in Berlin studiert: er trage in sich die Spannung im Judentum, das Ende des 19. Jahrhunderts geprägt worden sei durch die Dualität von „deutsch“ und „jüdisch“. Und als bereite er den Vortrag von Simone Lässig vor, zitierte er den jüdischen Historiker Fritz Stern, die „Heimat der Juden“ sei „nicht Deutschland, sondern die deutsche Kultur“ gewesen.
Pfarrer Ryczard Karp überbrachte im Namen beider christlichen Konfessionen Grüße: „Sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche haben ihre Wurzeln im Judentum“ und so wende er sich an die „älteren Geschwister“ um einen Friedensgruß an sie zu richten. „Nie wieder Krieg und Verachtung. Um den Frieden zu verwirklichen müssen wir einen Dialog führen.“ In diesem Zusammenhang verwies er ebenfalls auf Jacobsons Ziele der Integration und Koedukation.
Diakon Siegfried Graumann sprach im Namen der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Niedersachsen. Er wendete sich insbesondere an die Schüler. Er betonte die dichte „Verwurzelung“ der deutschen Juden, wie sie Hans-Joachim Schoeps noch „am Rande des Abgrunds“ des NS-Staates formulierte. Ganz anders Leo Baeck, für den nach der Shoa „eine Epoche zu Ende gegangen“ sei, die einen „tiefen Graben zwischen Juden und Deutschland hinterlassen“ habe. Diese pessimistische Sicht, so Graumann, habe sich nicht erhalten und das Erinnern an die Seesener Tempeleinweihung sei auch eine Herausforderung für die Zukunft.
Noch einmal ließen die drei Schülerinnen Jacobson zu Wort kommen und schlossen gemeinsam mit Jacobsons Schluss­gebet: „…lass uns lebhaft erkennen, dass wir mit allen Bekennern andrer Gotteslehren Brüder sind.“ Hannah Seidig (Klavier) und Linh Huynh, Thuy-An Huynh und Nicole Barnert (Violinen) brachten den Gellert-Choral „Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht“ aus der Einweihungsfeier von 1810 instrumental in Erinnerung.
Den Festvortrag hielt Prof. Dr. Simone Lässig. Unter dem Titel „Zwischen Tempel und bürgerlicher Moderne: Religion als kulturelles Kapital“ erläuterte sie ihre in den vergangenen Jahren vielfach beachteten Thesen über die „jüdischen Wege ins Bürgertum“, um parallel immer wieder konkret auf Seesen zu verweisen. Mehr zu ihrem Vortrag lesen Sie bitte im Extra-Text.
Die letzten Worte der Feierstunde gehörten dem Schulleiter des Jacobson-Gymnasiums: Stefan Bungert dankte neben den Rednern in besonderem Maße auch den beteiligten Schülerinnen und Schülern, die wesentlich zur Gestaltung der Feier beigetragen hätten, dankte aber auch den nur zuhörenden Schülern für ihre ruhige Geduld: „Bildung“ sei halt auch anstrengend. Großer Dank gebühre Frau Professorin Simone Lässig, die uns durch ihren Vortrag das „Phänomen Jacobsonschule“ in einem übergeordneten Zusammenhang besser verstehen gelehrt habe. Seine knappe Zusammenfassung lautete: „Alltagssprachlich ausgedrückt könnte man wohl sagen: Mit Israel Jacobson war der richtige Mann zur rechten Zeit am rechten Ort“. Sein Blick war auch der des Pädagogen, wenn er zum Schluss betonte: „Sprachbeherrschung und Bildung als Kapital zur Überwindung sozialer Barrieren“, des Weiteren Gemeinschaft, „Vernunft und Toleranz, gleiche Rechte und Pflichten für alle bei Bewahrung der eigenen, religiösen Identität.“
Der Choral „Wie groß ist des Allmächt’gen Güte“ – erneut instrumentalvorgetragen – setzte, wie schon vor zweihundert Jahren, den Endpunkt der Feier.