Leben zwischen den Mauern

Zu Bethlehem ist sie geboren, aufgewachsen in Deutschland. Zurückgekehrt heiratet sie und zieht mit ihrem Mann nach Beit Jala bei Jerusalem. Dort durchlebt sie mit ihrer Familie die Schrecken der Intifada und des Golfkriegs. Anschaulich und liebevoll schildert sie ihr Leben zwischen nationalen und religiösen Grenzen. Als christliche Palästinenserin und der arabischen Kultur verpflichtet, beschreibt sie ihren spannungsreichen Alltag in einem Land, in dem Frieden und Versöhnung in weite Ferne gerückt sind.

Friedensaktivistin war zu Gast bei der Frauenhilfe

Mit ihrer sehr intensiven Darstellung ihres Lebens in Bethlehem (in den besetzten Gebieten Palästinas) gab die Friedensaktivistin Faten Mukarker im Kirchenzentrum einen sehr persönlichen Einblick in eine Welt zwischen hohen Mauern, in der Willkür und Gewalt zum Alltag gehören.

„46 Jahre warten auf Frieden – Leben zwischen den Mauern“ - Wer hier gerechnet hat, hat gemerkt, dass es an diesem Abend nicht um die fast 60-jährige Geschichte des Staates Israel und sein Verhältnis zu seinen palästinensischen Nachbarn geht, sondern vielmehr um einen ganz persönlichen Bericht. 46 Jahre lebt Faten Mukarker dieses Leben zwischen Krieg und Waffenstillstand, zwischen Willkür und Ohnmacht.
Ein Leben in Bethlehem, der Geburtsstadt von Jesus, dem Friedefürst – immer auch ein Leben weit weg von wirklichem Frieden. Und den hat sie in ihrer Jugend in Deutschland durchaus kennen und schätzen lernen dürfen. Um die Berliner Mauer hat sie uns Deutsche damals nicht beneidet. Nach dem großen Glück der deutschen Wiedervereinigung und dem Fall der Mauer nimmt sie als „deutsche“, christliche Palästinenserin umso unnatürlicher und schmerzhafter wahr, dass inzwischen auch durch ihren Garten die acht Meter hohe Mauer verläuft, mit der Israel in den besetzten palästinensischen Gebieten sein Sicherheitsbedürfnis architektonisch zum Ausdruck bringt.
„In Oslo vor 20 Jahren war der Frieden zum Greifen nahe. Das hätte funktionieren können!“ ist sich Faten Mukarker sicher. Und auch gerade in diesen Tagen sind wir wieder ein Stück näher am Frieden. Aber wie damals ist der Frieden auch immer bedroht durch Radikale auf beiden Seiten. Ein kleiner Funke kann alles zunichtemachen.
Kontakte von Mensch zu Mensch zwischen Palästinensern und Israelis werden von Israel konsequent unterbunden und doch gibt es Möglichkeiten zum Austausch auf internationalem Boden. Dann zeigt sich, dass bei vielen Menschen auf beiden Seiten der Wille zum Frieden überwiegt. Auch wenn die „Scharfmacher“ nur eine Minderheit sind, so haben sie doch eine große Macht. In Israel sind sie ein kleiner aber einflussreicher Partner der Regierungskoalition. Und so sitzen auch 20 Jahre nach dem Friedensabkommen von Oslo, in dem der Weg zum Frieden von Rabin, Arafat und Clinton ausgehandelt und verabschiedet worden war, die USA mit Israelis und Palästinensern wieder an einen Tisch.
Und wieder werden die gleichen Hoffnungen auf Frieden geweckt. Und wieder wird der Friedenswillen durch radikale, friedensunwillige Kräfte auf eine harte Probe gestellt.
Der israelische Siedlungsbau stellt eine fortwährende und manifeste Bedrohung der palästinensischen Bevölkerung in der Westbank dar. Die Palästinenser fühlen sich als Rechtlose im eigenen Land. Während selbst in den palästinensischen Dörfern und Städten ohne israelische Baugenehmigung nicht gebaut werden darf, baut Israel außerhalb seines Staatsgebietes auf Palästinensergebiet seine Siedlungen offiziell weiter aus. Während „illegal“ errichtete palästinensische Schulen, Verwaltung und Wohnungen von Israel abgerissen werden, nehmen israelische Siedler weiter Besitz von palästinensischem Land. Auch der Olivenhain von Faten Mukarkers Großvater musste entschädigungslos dem israelischen Siedlungsbau weichen. Das passiert täglich im Westjordanland. Auch wenn das Land seit Generationen im Familienbesitz bewirtschaftet wird und Besitzurkunden noch aus osmanischer Zeit vorgezeigt werden können. Hier wird ziviles Bauen zu einer modernen Waffe, mit der bis heute mehr Land enteignet worden ist, als durch alle israelisch-palästinensischen Kriege zuvor.
Trotz der zur Zeit wieder laufenden Friedensverhandlungen rüstet der israelische Bauminister Uri Ariel von der ultrarechten Partei „Das Jüdische Haus“ weiter auf und lässt 24.000 neue Siedlerwohnungen bauen. Das war dann selbst der israelischen Justizministerin Tzipi Livni zu viel, denn sie stellte mit Blick auf den radikalen Koalitionspartner fest: „Ihr Hauptziel ist es, uns daran zu hindern, ein Abkommen zu erzielen. Sie wollen uns daran hindern, hier je in Frieden zu leben.“
Die radikale Effektivität der Siedlungspolitik wird deutlich, wenn man seinen Blick auf die heutige Größe der unter palästinensischer Verwaltung stehenden Gebiete in der Westbank lenkt. Die palästinensisch verwalteten Bereiche der Westbank sind auf ein paar unzusammenhängende Flicken geschrumpft.
Für Faten Mukarker und ihre Familie stellt das Leben an der Mauer tagtäglich eine fühlbare Einschränkung und Bedrohung dar. Selbst zu Verwandten ins Nachbardorf kann sie nicht einfach mal so fahren. Überall in der Westbank gibt es Check-Points und die teils sehr jungen Soldaten leben ihre Überlegenheit durch Willkür an der Zivilbevölkerung aus. Mal muss man nur stundenlang warten, mal darf man gar nicht passieren.
Auch das Wasser in den Palästinensergebieten wird von Israel kontrolliert und ist damit ein weiteres effektives Druckmittel in dem subtilen täglichen Kampf gegen die palästinensische Zivilbevölkerung.
Gerade in den Kinderbildern ihrer Kinder und Enkelkinder wird ungefiltert deutlich, wie sich die Menschen vor dieser Drohkulisse fühlen.
Einmal im Jahr kommt Faten Mukarker zurück nach Deutschland, dem Land ihrer Kindheit und genießt das Gefühl von Freiheit, Menschenwürde und Achtung. Sie berichtet dann von ihrem Leben als palästinensische Christin, die im Geburtsort Jesus wohnt. Von dem immerwährenden Wunsch nach Frieden in ihrer Heimat und davon, wie sehr ihr auch die Überwindung der Deutschen Teilung Hoffnung für eine Zukunft in Frieden für ihr Land gibt.
Ihre sehr persönliche Darstellung des eigenen Erlebens und Fühlens ist im bis auf den letzten Platz gefüllten großen Saal des Kirchenzentrums Seesen mit schweigendem Applaus aufgenommen worden. Eine einfache Bewertung in Gut und Böse in diesem Dauerkonflikt ist den interessierten Zuhörern nicht leichter gemacht worden.