Lehren und Folgen, für die Quimburga gesorgt hat

Forstamtsleiter Karsten Peiffer (links) schildert die Maßnahmen, die von den Landesforsten an einer 1972 vom Sturm Quimburga verwüsteten Stelle vorgenommen wurden, ganz rechts der damalige Forstamtsleiter Bad Grund, Gerd Wüsteney.

Geburtsstunde des WeltWaldes bei Bad Grund / Notfallplan bei Sturm ist eine Lehre aus der damaligen Situation

Der 13. November 1972 war ein Tag, an dem die Kinder nicht in die Schule geschickt wurden, der Strom in weiten Teilen des Oberharzes ausfiel und Bäume umknickten wie Streichhölzer. Der Sturm Quimburga wütete und zerstörte elf Prozent der damaligen Waldfläche von ganz Niedersachsen. Das Forstamt Clausthal lud nun ehemalige Mitarbeiter zu einem Treffen in Schulenberg ein, um gemeinsam Erinnerungen auszutauschen und auch von den Lehren und Folgen zu berichten, für die Quimburga gesorgt hat.
„Ich wusste bis vor kurzem gar nicht, dass der Sturm Quimburga hieß“, sprach Hermann Schulte, seinerzeit für das Revier Winterberg in der Verantwortung, für viele seiner damaligen Kollegen. Eine Sturmwarnung hatte es seinerzeit schon gegeben, doch was dann auf die Region einstürmte, hatte es vorher und auch nachher nicht gegeben.
„Ich war damals Lehrjunge“, schildert Hartmut Lader seine Erinnerung, „wir saßen gerade zum Frühstück in unserem Wagen, da wurde der regelrecht angehoben und locker anderthalb Meter weiter erst wieder abgesetzt.“ Und der Wagen war mit sechs Waldarbeitern besetzt gewesen. Auf dem gegenüberliegenden Hang sahen sie dann nach und nach Bäume umknicken. „Erst einzeln, dann Bündel von zehn, später gar 20 Bäume gleichzeitig wurden wie mit einer riesigen Sense einfach umgemäht“, beschreibt er das Unvorstellbare. Forst- und Waldarbeiter kamen teilweise nicht mehr mit dem Fahrzeug aus dem Wald, weil Bäume und Äste quer lagen. Sie retteten sich zu Fuß. Revierleiter weinten bitterlich, als sie ihre zerstörten Waldflächen sahen.
Doch genauso unvorstellbar wie der Sturm selbst sind für heutige Generationen die Aufräumarbeiten. Harvester oder Holzerntemaschinen gab es nicht, „alles Handarbeit“, sagt Horst Lader, seinerzeit Waldarbeiter. Auch eine Schutzausrüstung, wie sie heute üblich ist, mit sägefesten Hosen, Sicherheitsschuhen und Helmpflicht – all das gab es nicht. „Das Gefährlichste war das Abschneiden im Verhau“, erinnert sich Elmar Rausch, damals Revierleiter „Rose“ in Altenau. Wenn die Bäume ineinander verschachtelt dort lagen, hatten sie zum Teil eine enorme Spannung im Holz. Wenn nun mit der Kettensäge an einer falschen Stelle gearbeitet wurde, konnte diese unter Umständen einen Baumstamm zum Flitzebogen werden lassen. „Wir haben alles an Maschinen, Treckern und Baggern heran geholt, um die Stämme zu halten“, so Rausch.
Es war auch die Geburtsstunde der Nasslagerplätze in der Region. Denn so schnell konnte das Holz nicht verkauft und abtransportiert werden. Damit der Käfer sich nicht an den Stämmen zu schaffen macht, wurden diese nass gehalten. Oder aber sie mussten, wenn Nasslagerung nicht möglich war, schnell geschält werden.
Es war aber auch die Geburtsstunde des heutigen WeltWaldes bei Bad Grund. „Die Idee und die Anfangsplanung waren bereits im Sommer 1972 aufgenommen worden“, erinnert sich Gerd Wüsteney, seinerzeit Forstamtsleiter Bad Grund, „der Sturm hat die Planung dann mit den vielen neuen freien Flächen über den Haufen geworfen“, quasi einen eigenen Plan für den WeltWald aufgestellt. Für die sehr personalintensiven Aufräumarbeiten wurden „auch «Knackis« aus Göttingen oder Hilfsarbeiter aus Jugoslawien genommen“, so Wüsteney. Recht froh war man, als sich dann Helfer und auch Fachfirmen aus Österreich einbrachten. „Einige von uns sind dann auch hier geblieben“, sagt Werner Schwander, der auch nach 40 Jahren noch einen leichten Akzent aus der österreichischen Heimat hat.
Karsten Peiffer, heute Forstamtsleiter in Clausthal, machte seinerzeit die ersten Schritte als Forstmitarbeiter. „Viele haben sich damals bei den Arbeiten schwer verletzt, 22 sind in Niedersachsen sogar umgekommen“, berichtet er. So war eine Konsequenz, dass „Arbeits- und Gesundheitsschutz für uns oberste Priorität hat“, eine schriftlich fixierte Leitlinie für die Landesforsten. Ein Notfallplan bei Sturm ist eine weitere Lehre aus der damaligen Situation. An verschiedenen Orten rund um Schulenberg zeigte er den Ehemaligen nicht nur aufgeforstete Bereiche, sondern erläuterte auch die neuen Wege, die von der Forst begangen werden. Das Walderneuerungsprogramm, die LÖWE-Grundsätze (langfristige ökologische Waldentwicklung) oder auch weitere Erkenntnisse aus folgenden Stürmen stellte er den alten Kollegen vor. Aber er präsentierte auch über 140-jährige Fichten auf dem Mittelberg, die Quimburga und anderen Stürmen erfolgreich getrotzt haben.