Liederabend mit Rainhard Fendrich beim Seesener Kulturforum

Liedermacher Rainhard Fendrich begeistert das Publikum in Seesen mit alten und neuen Songs.

Danzer, Degenhardt, Wader, Hoffmann, Wecker – und nun auch Rainhard Fendrich auf der Bühne des Kulturforums. Liedermacher, durchaus mit traurigen oder melancholischen Attitüden, das ist sein Anspruch, ganz im Gegensatz zu den fröhlichen Schlägersängern, von denen er sich humorvoll abgrenzt. Bänkelsänger oder Minnesänger wären für Fendrich eher passende Rollen. Dieter Kolbeck, Fendrichs musikalischer Partner, hatte den Liederabend, beflügelt vom Steinway, mit einfühlsamer Melodie eröffnet.

Mit Charme, spürbarer Bühnenpräsenz und Witz, erzählt Fendrich musikalisch Geschichten, Episoden und Anekdoten. Gefühlvoll, ironisch, nachdenklich oder kritisch besingt er seine Lebensgeschichten passend zum Titel des Programmes „Meine Zeit“ und ist zwischendurch unterhaltsamer Moderator.
Den Zeitgeist kritisierend besingt er eine überzogene Eventsucht („Bussi, Bussi, für die Kamera…“) oder beklagt die politische Kultur mit seinem „Tango Korrupti“ nach dem Motto „… ich habe niemanden betrogen, ich hab‘ lediglich die Fäden gezogen, aber für meine Bauernopfer krieg ich einen Schulterklopfer …“. Ironisch kommentiert er, „wenn die ganze Welt Schulden hat, fragt man sich bei wem.“ Dazwischen gibt es immer wieder auch emotional bestimmte Liedtexte, wenn er gesteht“… manchmal denk‘ i no an Dich.“, „… weil i net g’merkt hob wie’s da geht.“ Oder „… weil`s bei mir bleibst, wenn der beste Freund sich schleicht.“ Selbstkritisch angesichts von Ich-Bezogen-heiten singt er „ … da geht man halt ‘nen Schritt zu weit, von Zeit zu Zeit“ oder „… es tut so weh, wenn man verliert.“ Sich erinnernd stellt Fendrich fest, dass es zu seiner Zeit nicht besser war, aber anders. Trotzdem kann er sich singend und Gitarre spielend oder kommentierend Seitenhiebe auf die modernen Zeiten nicht verkneifen. „Mein Sohn erzählt mir begeistert, ich habe schon 800 Freunde bei Facebook. Einen kenne ich sogar persönlich. Wir haben früher nicht kommuniziert, sondern miteinander gesprochen. Von Fast Food war keine Rede, gegessen wurde, bis der Teller leer war.“ Oder: „Früher hatten die Mütter Angst, dass sich die Kinder erkälten, heute hat man Angst, dass sie an ihren Piercings verrosten“. Und er erinnert sich mit dem Titel „Frieda“ an seine Pubertät, eine Zeit, in der Körperteile wachsen, die man noch nicht recht bedienen kann. Aber auch Phänomene in der fortgeschrittenen Lebensphase thematisiert Fendrich musikalisch und kurzweilig: Die Männer in der Midlife Crisis, greise Porschefahrer oder den Kult ums Auto („ … gestern hat uns ‘s Glück verlassen, jetzt liegst am Friedhof draußen.“).Ganz authentisch wirkt dann das Bedürfnis, an seinen Freund und musikalischen Weggefährten zu erinnern, wie er es seit dessen Tod 2007 in jedem seiner Konzerte tut: „Lass mi amol no die Sonn‘ aufgehen sehn“. Am Schluss dürfen „Es lebe der Sport“ und „Macho, Macho“ nicht fehlen. Nach weiteren Zugaben für das stehend applaudierende Publikum geht das Liedermacher-Erlebnis mit Fendrichs Österreich-Ballade „I‘am from Austria“ zu Ende.

Walter Kien