Michael Hatzius, Puppenspieler, beim Seesener Kulturforum

 

Der Brandschutzbeauftragte Jens Schirner – Ähnlichkeit mit Michael Hatzius ist deutlich – instruiert vor Beginn das Publikum und differenziert die Masse im Saal der Seesener Aula zwischen Massen- und Bodenhaltung. Das Programm beim Seesener Kulturforum heißt „Michael Hatzius spielt DIE ECHSE & Freunde“.

„Zur Klarstellung bei Euch auf dem Lande: alle auftretenden Tiere machen es freiwillig!“ Hatzius öffnet sein Puppenschatz-Kästlein mit Küken (etwas pittiplatschig), mit einer verrotzten Maus und mit der verkleinerten Echse als Plüsch-Kuscheltier. Dann erst kommt der große Auftritt:
Die Echse präsentiert sich gehend, rauchend, frontal, im Profil: „Ich hab ´n Tinnitus im Auge: Ich sehe nur Pfeifen!“ Rückenprobleme hat sie auch. Das rückwärtige Einparken auf Sessel und Hatzius´ Schoß ist mühsam: „Jetzt hab ich einen Echsenschuss.“ Damit ist schon das boshafte Kalauerprogramm des Urviechs vorgestellt. Seine Weisheit ist großkotzig, überzeugend, mindestens nicht hinterfragbar, es ist die Erfahrung einer Evolution seit Urweltzeiten (Vom Einzeller, über den baumarkt-geschaffenen Zweizeller bis hin zu den Tieren im Wasser. Amphibisches kommt später!)

Die Puppe ist hervorragend erdacht und gestaltet, so urtypisch, dass man den Puppenspieler im Hintergrund vergisst. Die Echse ist selbstgefällig, ätzend ironisch, frauenfeindlich sowieso und schlagfertig. Der Puppenspieler im Hintergrund verleiht dem Tier eine treffende Körpersprache, schnodderig-berlinischen Klang und aggressive Schlagfertigkeit. Die tierisch bestimmten Fabeln haben keine Moral am Ende der Geschichte, die Märchen sind nur solche, die dem Publikum aufgebunden werden.

Die Geschichten aus der Historie führen zu Cleo Patta und Julius Zebra. Die Zebras aus der WG sind unfertige Pferde, die Pinguine eigentlich sehr nett, klauen aber auch Autos: Klauer- oder Kalauergrund: Es sind „die Südpolen“. Biblische Geschichte wird interpretiert: Joseph heißt Jürgen, der Stall in Bethlehem ist myrrhedurchräuchert. Aber: „Das Einzige, was Maria für ihr Kind sicher hatte, war ein Krippenplatz!“

Michael Hatzius hat in seiner Jugend noch DDR gelebt, ist auch in der Krippe sozialisiert, durch Sandmännchen und Pittiplatsch. Er selbst sagt, dass ihn die rauen Sitten in den Kinderbetreuungseinrichtungen zum Puppenspiel getrieben hätten. Aber auch der Programmpunkt „Weltall, Echse, Mensch“ erinnert an das große Buchwerk der ostdeutschen Pioniererziehung.

Das Puppenspiel auf der Bühne wird immer wieder durch Video-Sequenzen unterbrochen, so zum Beispiel mehrfach von der Reptilienmesse in Berlin, natürlich mit der Echse im Vordergrund.
Das Publikum im Saal wird immer wieder angesprochen, beteiligt, interpretiert oder auf die Bühne komplimentiert.

Und dann sind da noch die Freunde, das sind Plüsch-, Keramik- und Gummipuppen, Hand-, Stab und Kasperle-Figuren, ähnlich skurril wie die Echse. Das genügsame Puppenhuhn („Ich bin Huhn. Das ist o.k.“) liest aus der Speisekarte eines China-Restaurants, bis der angeborene Sprachfehler dem Leseverständnis ein Ende setzt. Das Huhn ist absolut überfordert, als Hatzius-Puppenschöpfung jedoch genial. Die Echse als „Bauchredner“ für ein eigenes Puppenspiel mit einem Krokodilchen frech und intelligent. Die Echse entwickelt sich als „Froschkönig“ zum Medium und spielt ab sofort mit den Zukunftsfragen des Publikums und knüpft Unzusammenhängendes zu neuen Geschichten. So kommt „Heinrich VIII.“ aus der ersten Reihe zu seinem Schauspiel-Debüt.
Im Sinne von „back to the roots“ improvisiert Hatzius schließlich echtes, traditionelles Kasperle-Theater, in dem fast alle Protagonisten in verkleinerter Form zu Wort kommen.

Das begeisterte Publikum beim Seesener Kulturforum erklatscht echselente Zugaben und erfährt noch einmal die Improvisationskunst des Duos Hatzius/Echse, als die drei eingeworfenen Begriffe „Erbsensuppe“, „Brockenbenno“ und „Pflaumenbaum“ in einen Liedvortrag eingebaut werden.

Joachim Frassl