Minni-Manne wohnt in einer leeren Getränkedose

Mannes Vater: Der Künstler Ulrich Frassl.

Ein Künstler, zwei Ausstellungen: zeitgleich im Rathaus und im Museum/ Doppel-Vernissage am Donnerstag

Am Donnerstagabend, 31. Januar, werden in einer Doppel-Vernissage zwei Kunstausstellungen mit Arbeiten des Celler Künstlers und Kunsterziehers Ulrich Frassl in Seesen eröffnet.
Die Galerie im Obergeschoss des Rathauses präsentiert bis zum 30. April unter dem Titel „Commedialer Theaterdonner – Grafik und Monotypie“ zeichnerisch erweiterte Materialdrucke von Ulrich Frassl. Das sind dann phantastische Landschaften aus Stadt, Land und Theater, freche Visionen der Weltliteratur oder auch Figuren commedia dell´arte-inspiriert.
Das Städtische Museum Seesen setzt die Tradition der Wilhelm-Busch-Tage der Vergangenheit fort, indem es Skizzen­bücher, Buchillustrationen, Auseinandersetzungen mit Busch in Reim und Bild sowie Kinderbücher präsentiert, für die der Künstler Texte und Bilder geschaffen hat. Ein Schwerpunkt im Museum werden die Frassl-Comics von Mini-Manne sein, der sich zusammen mit seiner Frau Minnie „in Lebensgröße“ auf den Bildstreifen präsentieren wird. Die Museumsausstellung läuft unter dem Titel „Comics und Illustrationen – Vom Leben der kleinen Leute“.
Mini-Manne wohnt zusammen mit seiner ebenso kleinen wie breiten Minnie in einer leeren Getränkedose. Er ist nicht ganz so bedürfnislos wie einstmals Diogenes in seiner Tonne, seine Lebensphilosophie richtet sich auf die naheliegenden körperlichen Genüsse. Kein Wunder also, dass er nicht in das heutige Werbebild eines Mannes passt; er ist weder Superheld noch Adonis. Er gehört wahrhaftig zu den kleinen Leuten. Aus seiner Zwergensicht sieht er die Welt aus einer Augenhöhe, die den Politikern und Zukunftsplanern fremd ist. Mit stoischer Ruhe und kreativen Einfällen findet er zwischen den Tücken der Objekte stets eine Lösung oder seiner Minnie gegenüber immer die passenden Ausreden. Minnie und Manne sind ein altes Ehepaar, das die gegenseitigen Schwächen kennt und zu akzeptieren gelernt hat.
Die Mini-Manne-Lösungen sind naheliegend und brauchen im Comic-Strip deshalb jeweils nur eine einzige Zeile. Manne ist ein Vertreter der Gelassenheit; Manne hat viele Ideen… und Zeit! Oft mischt sich Manne selbst in den Gestaltungsprozess des Zeichners ein und bestimmt die Spielregeln.
Das Dosenthema scheint wie gemacht zu sein für die Dosenstadt am nordwestlichen Harzrand. Die Idee zu dieser Ausstellung wuchs spontan und dann ziemlich heftig vor einem dreiviertel Jahr in einem Gespräch zwischen Museumsleiter Friedrich Orend und Dr. Joachim Frassl: Das Jahr 2010 war in Seesen das „Jahr der Dose“. Alle Kulturbereiche hatten seinerzeit das jeweils Ihre in Dosen verpackt oder bekamen etwas von der Dosensuppe mit. Nun muss man feststellen: Mini-Manne wohnt in einer solchen Dose. Und das bereits seit einem Dutzend an Jahren.
Der Künstler, Ulrich Frassl, allroundig: als Kunsterzieher, Zeichner, Maler, Schriftsteller, Dichter, Theater-Schreiber und Regisseur für große Schülerprojekte, Musical-Schreiber und schließlich auch als Illustrator – nicht nur der eigenen Sachen – passt durch seine verschiedenen künstlerischen Interessen und Tätigkeiten ganz gut in das Bild des schreibenden Künstlers oder des Selbst-Illustrierenden Literaten.
Nach dem Studium der Kunstpädagogik, der Malerei und Kunstgeschichte an der SHFBK in Braunschweig unterrichtete Ulrich Frassl am Hölty Gymnasium in Celle. Über 20 Jahre leitete er dort die Schul-Theater-AG. Er brachte dabei neben Sprechstücken zusammen mit dem Musiker Egon Ziesmann auch Musicals auf die Bühne (unter anderem: Die Dreigroschenoper, West Side Story und Anatevka). Frassl selbst wurde mit „Emil“ und mit „Die Farben der Phantasie“ zum Bühnen- und Musicalautor.
Trotz des Malereistudiums verlegte er sich immer wieder als Illustrator auf das grafische Fach, so auch als Zeichner für Ulrich Beers Busch-Adaption „Sanne und Tine“ (1987). Für die eigenen Kinderbücher ist Ulrich Frassl sowohl Textautor als auch Zeichner, so für die Weihnachtsgeschichten um den „Wastl Engel“ (1985 und 1986), so für „Florian in Lilaland“ (1988) und „Alaska hinter den großen Bäumen“ (1989). Seine Karikaturen in der Celleschen Zeitung haben nicht nur manch eine Kultusministerin in Hannover aufgeregt.
Ein reizvoller Aspekt dieser Ausstellung ist auch im „Skizzenkabinett“ des Museums zu sehen, wo auch angedachte Kinder-Bilderbuchprojekte in Textentwürfen und Bildskizzen ausgestellt sind.
Die Monotypie-und-Grafik-Ausstellung im Rathaus setzt ganz andere Schwerpunkte: Monotypien sind als Druckwerke Unikate. Das Besondere der Arbeiten von Ulrich Frassl ist die Kombination der Drucke mit grafischen Weiterungen. Die Grafiken entwickeln sich aus den vorgefundenen mehr oder weniger farb­intensiven Flächen, aus den vermittelten Strukturen oder den erzielten Texturen. Bildvorstellung und Bildthema werden erst im Prozess der Betrachtung und im Verlauf des anfänglichen Kritzelns, in der Entwicklung der Kleinbilder „gefunden“. Die ursprünglich gegenstandslose Form vermittelt sich aus Kanten heraus zu Gerüsten, aus Verblassungen oder Abschwächungen zu Horizonten und aus Überschneidungen zu Raum oder Räumen. Aus Farbspuren – und auch aus ihren Negativ-Nachbildern – entwickelt der Künstler Gestalteigenschaften: gewachsener Marmor, geschichtete Wände, steil aufragende Bergwelten, Natürliches und Gewachsenes, Gebautes und Konstruiertes, wie zum Beispiel im Thema „Unter der Burg“ von 2012.
Die gefundenen Objekte, Gestalten oder Landschaften, die Weltszenarien haben nichts gemein mit den surrealistischen „Objets Trouvés“, aber sie vermitteln vom Künstler Gefundenes, das Teile seiner Erfahrung und seine Biographie widerspiegelt, so vielleicht die Kenntnisse der alpinen Bergwelten, aber auch der theatralischen Welten um die Feste Hohensalzburg, der griechischen Mythologie, eines Shakespeareschen Sommernachtstraums, allerdings immer in scharf ironischen Brechungen. Die Stegreifkomödie der italienischen Commedia dell Arte“ erlaubt die frische Spontanität der Schauspieler im Rahmen der vorgeschriebenen Festsetzungen. Hier in der Bildenden Kunst sind die Festsetzungen durch die zufällig entstandenen Farb- und Bildspuren entstanden, denen sich der Künstler suchend einpasst, um sich in den weiteren Schritten davon zu befreien. Der Phantasieprozess ist ein Akt der Befreiung und gleichzeitig der Akzeptanz des Vorgefundenen.
Der Rathausbesucher darf sich auf eine spannende und poesievolle Reise in die Welt­phantastereien freuen. Für die Auswahl und Präsentation der Kunstwerke ist einmal mehr Margarethe Nußbaum zuständig.